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Kategorie: Wissenschaft und Universität

AStA-Mandat

Wenn ich in diesem Land geboren werde, ist das so etwas wie eine Zwangsmitgliedschaft. Ich kann mich gar nicht anders entscheiden – auch wenn ich dazu aus offensichtlichen Gründen nicht sofort in der Lage wäre, könnten das ja theoretisch meine Eltern in meinem angenommenem Auftrag tun, dürfen sie aber auch nicht.

Wenn ich mich an einer deutschen Uni immatrikuliere, werde ich zwangsweise Mitglied der verfassten Studierendenschaft, die durch das Studierendenparlament bzw. den AStA repräsentiert wird. Warum zum Teufel ist es ein Argument gegen deren allgemeinpolitisches Mandat, dass ich keine Wahl habe, ob ich Mitglied bin? Wenn mir nicht passt, auf welche Weise ich durch den AStA verteten werden, dann kann ich daran etwas ändern, indem ich mich (hochschul-)politisch betätige.

Zuerst mal kann ich meine Wahlmöglichkeit wahrnehmen. 15-25% ist die Wahlbeteiligung bei Wahlen zum StuPa im Schnitt. Da wären also schon mal 75-85% der Studierenden, die sich nicht über ihre Repräsentation beschweren dürften.

Ich kann mich außerdem darum bemühen, dass sich deutlich mehr der Nichtwählenden für das interessieren, was im StuPa etc. passiert. Günstig wäre für mich natürlich, ich würde möglichst diejenigen motivieren, die eine ähnliche Meinung wie ich haben.

Außerdem könnte ich ja wirklich was tun und mich aktiv beteiligen. Mich auf eine Liste setzen lassen. Selbst eine neue gründen. Mich auf dem Campus auf eine Apfelsinenkiste stellen und meine Ansichten laut und deutlich bekannt machen. Plakate malen, Flyer verteilen und schließlich, wenn ich mal gewählt werde, mich in den betreffenden Gremien beteiligen und arbeiten. Etwas verbessern, das mir am Herzen liegt. Und so weiter und so fort.

So. Und da dieser Weg jedem Studierenden offen steht, warum sollte die Vertretung der Studierenden kein allgemeinpolitisches Mandat haben? Sorry, ich versteh’s nicht.

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Der Wahnsinn hat (/ist die) Methode

Ich habe vorhin bei Fefe einen Hinweis auf einen Artikel im New Yorker gefunden, den ich wirklich ausnehmend faszinierend fand. The Decline Effect And The Scientific Method. Obwohl ich ebenso wie Fefe empfehle, den gesamten gut geschriebenen Artikel selbst zu lesen, fasse ich die Eckpunkte in übersetzter Form hier mal etwas zusammen:


Das Thema ist der Zweifel an einem Grundbaustein der wissenschaftlichen Methode: der Replizierbarkeit von experimentellen Ergebnissen. In verschiedenen wissenschaftlichen Feldern – hier: Evolutionsbiologie, Psychologie, Medizin … – wird immer wieder beobachtet, dass anfänglich in Experimenten deutlich zu Tage tretende Effekte später zwar immer noch nachweisbar sind, aber ihre Signifikanz und Häufigkeit deutlich abnehmen. Sowohl, wenn das zu Grunde liegende Paradigma in verschiedenen Settings abgefragt wird (etwa die bei Weibchen unterschiedlichster Arten auftretende Attraktion zu symmetrisch geformten Männchen), als auch bei der Replikation des ursprünglichen Experiments. Sowohl durch den gleichen Wissenschaftler, als auch durch unabhängige Forscher. Für das, was wie der Anlass zu einem Vertrauensverlust in die grundsätzlichen Methoden der wissenschaftlichen Verifikation aussieht, werden verschiedene Erklärungen gesucht.

  1. Die naheliegende Idee, dass durch Wiederholung anfängliche statistische Ausreißer ausgeglichen werden, greift zu kurz. Die ursprünglichen Datensätze sind so groß, dass selbst wenn Regression zur Mitte greifen würde, deren Effekt nicht so heftig sein und so oft auftreten dürfte.
  2. Ein anderer Vorschlag ist das Problem der Veröffentlichung. Wenn ein vermeintlich aufregendes, neues wissenschaftliches Faktum auf den Plan getreten und veröffentlicht worden ist, ist es zunächst relativ schwierig, Paper durch den Review-Prozess zu bekommen, die das gehypte Neue wiederlegen oder auch nur einschränken würden. Wissenschaftliche Zeitschriften bevorzugen positive, bestätigende Resultate. Erst wenn eine gewisse Zeit vergangen und das ehedem neue Paradigma common sense geworden ist, wird es auch für die Zeitschriften wieder interessant, widerlegende Resultate zu bringen, die nun ihrerseits aufregend und neu sind. Doch obwohl dies durchaus eine Rolle spielt, reicht es als alleinige Erklärung nicht aus. Zum Beispiel wenn es um unveröffentlichte Daten geht, die ebenso den decline effect zeigen.
  3. Schließlich wird diskutiert, inwiefern die Vorauswahl der Daten, die Wissenschaftler überhaupt zur Veröffentlichung bringen möchten, voreingenommen und auf ein bestimmtes Ziel hin gerichtet ist. Es zeigt sich, dass dies anscheinend weit verbreitet ist. Das bedeutet nicht, dass es um absichtlichen Betrug geht. Es ist eher ein unbewusstes Verhalten, das veranlasst, dass insbesondere bei sehr empfindlichen Experimenten bzw. sich nur sehr graduell unterscheidenden Meßergebnissen Daten so aufgefasst werden, dass sie einem vorhergehenden Glauben oder einer Erwartung entsprechen. Ein großes Problem diesbezüglich ist vermutlich die Signifikanz-Jagd. Die Daten werden so interpretiert, dass sie einen bedeutenden Fund darstellen. Außerdem beeinflusst die Hoffnung auf Erfolg, auf einen Karriereschub o.ä. unbewusst die Haltung zu den gemessenen Daten. That’s just the way human beings work. Ein Lösungsansatz abgesehen von dem kollektiven Bewusstmachen dieser Effekte ist der Vorschlag für eine Open-Source-Datenbank, in die Wissenschaftler im Voraus ihre geplanten Untersuchungen und im Nachhinein ungefiltert all ihre Ergebnisse einspeisen sollen.
  4. Doch eines bleibt: Der reine Zufall. Egal wie viele Variablen man bei einem Experiment unter Kontrolle bringt, es gibt immer ein Element des Zufalls, das nicht ausgeschlossen werden kann. Wenn durch solch einen Zufall Außerordentliches gefunden wird, greifen die vorhergenannten Probleme zusätzlich und verstärken das Ganze.
  5. Zu guter Letzt muss uns klar werden, dass Experimente nicht per se die Wahrheit zeigen, genauso wenig, wie jede Wahrheit durch Experimente belegt werden kann.


    So, und nach dieser Zusammenfassung möchte ich gern wissen, ob ich damit gegen irgendwelche Immaterialgüterrechte verstoßen habe. Da kann ich wahrscheinlich nur froh sein, dass der Text vermutlich nie von einem der Betreffenden gelesen wird. :)

    Den Vorschlag von Jonathan Schooler die Datenbank betreffend finde ich übrigens wirklich hervorragend. Leider schätze ich den Willen innerhalb des Wissenschaftsbetriebes für so etwas erfahrungsgemäß als eher gering ein. Darüber hinaus wird wieder einmal klar, wie sehr der ganze Prozess der Veröffentlichungen in möglichst renommierten Zeitschriften mit allem, was in puncto Pre-Review usw. da dran hängt, eine einzige Katastrophe ist.

Die Einsamkeit der Forscher

Diese Geschichte handelt von Wissenschaft und herangezüchtetem Egoismus.

Vor einem Jahr lernte ich einen Kommilitonen kennen, mit dem ich zusammen ein ausführliches Referat ausarbeiten sollte. Ein ziemlich umgänglicher Mensch, mit dem ich gut zusammenarbeiten und auch abseits vom bearbeiteten Thema interessante fachliche Diskussionen führen konnte. Im Laufe unserer Arbeit an besagtem Referat brachte er eine bestimmte kleine Idee ein, auf die ich nie gekommen wäre, die ich aber äußerst hilfreich fand. Da am Ende des Semesters auch die Abfassung einer schriftlichen Seminararbeit stand (zumindest für mich), war es für mich selbstverständlich, dort alle für das Referat erarbeiteten Thesen, alles Wissen und alle Gedanken einzuarbeiten. Im Scherz – glaubte ich – wies mich mein Kommilitone, der von seiner Idee immer noch sehr begeistert war, darauf hin, dass es ja seine Idee gewesen sei und ich mich, wenn ich sie in die schriftliche Arbeit einbeziehe, ja an seiner Vorarbeit unrechtmäßig bereichere. Ich habe das wie gesagt für einen Witz gehalten, auch weil wir weiterhin freundschaftlich miteinander umgingen.

Diesen Hinweis wiederholte er aber immer wieder und so oft, dass ich begann, es seltsam zu finden. Das hielt mich jedoch natürlich nicht davon ab, die Seminararbeit genauso zu schreiben, wie ich das vorgehabt hatte.

In diesem Semester haben wir beide uns wieder in einem gemeinsamen Hauptseminar getroffen, haben uns wieder für ein Referat zur Zusammenarbeit verabredet und unterhalten uns auch oft nach dem Seminar, meistens über die eben behandelten Texte. Heute fragte er mich nach der Stunde, ob ich schon wüsste, worüber ich meine Arbeit schreiben würde und nannte mir sein Thema, das mit der heutigen Sitzung zusammenhing. Als ich angab, ein ganz anderes bearbeiten zu wollen, begann er über den heutigen Text zu sprechen, trug einige Ideenansätze vor und beendete einen seiner Sätze (sinngemäß) mit: …aber das wollte ich dann vorhin auch nicht mehr groß einwerfen. Warum denn nicht, fragte ich, ist doch ein guter Gedanke. Ja, weil dann wieder andere nachher … naja, ich will halt nicht, dass ich dort im Seminar etwas sage, worüber ich mir Gedanken gemacht habe und dann greift das jemand anderes auf und baut es am Ende in seine Hausarbeit ein.

Whou. Starker Tobak. Auch mein Einwurf, dass diese Haltung egoistisch und unwissenschaftlich sei, verpuffte anscheinend wirkungslos. Nachdem er nochmals explizit nachfragte, ob es sicher sei, dass ich ein anderes Thema behandeln werde und ich Wahrscheinlich ja zurückgab, wollte er auch nichts mehr weiter zum Thema mir gegenüber sagen.

Was ist das nur für eine groteske Haltung! Wir setzen uns mit zwanzig Leuten in einen Raum, um uns über Texte literaturwissenschaftlich zu unterhalten und auszutauschen, um weiter zu kommen in unserem Verständnis einer literarischen Epoche, um uns zu bilden und Einzelne haben Sorge um ihr geistiges Eigentum. Auch wenn das ein Einzelfall sein mag (ich hoffe es inständig), ist es meiner Meinung nach ein Symptom für eine zunehmende Ökonomisierung und einen zu hohen Stellenwert des Wettbewerbs in den Wissenschaften allgemein und dem universitären Betrieb im Speziellen.

Ich bekomme das auch in anderen Zusammenhängen mit, namentlich aus den Naturwissenschaften: Da werden Daten aus zu haltenden Vorträgen auf Fachkonferenzen herausgehalten, weil sie noch nicht offiziell veröffentlicht sind (und sie deshalb jemand klauen könnte). Da werden wissenschaftliche Veröffentlichungen künstlich unvollständig gelassen, damit man wenige Monate später erneut veröffentlichen kann. Man ist scheinbar in ständigem Wettbewerb um Reputation. Wenn es nur das wäre! Das wäre nämlich die einzige Belohnung, die Wissenschaftler neben dem reinen Erkenntnisgewinn antreiben sollte. Aber nein, es geht um handfeste monetäre Fragen. Denn auch Wissenschaftler müssen von etwas leben. Sie brauchen deshalb eine Anstellung, die sie natürlich nur bekommen, wenn sie hervorragendes veröffentlichtes Material, Artikel in renommierten Fachzeitschriften und dergleichen vorweisen können. Fachzeitschriften! Darüber könnte ich ewig debattieren. Wie viele Probleme könnten gelöst werden, wenn jeder einfach all seine Erkenntnisse, seine Forschungsergebnisse bequem auf der Homepage des jeweiligen Instituts oder noch besser einer zentralen Instanz ohne Heckmeck online stellen könnte. (Die Schwierigkeiten was den ausfallenden Filtermechanismus der Zeitschriften betrifft sind mir bewusst. Deshalb ja: nicht alle Probleme) Ich meine, kann er ja. Dann kann er sich die wichtige Verbindung mit hehren Namen wie Science oder Nature jedoch in die Haare schmieren. Und keinen zukünftigen Arbeitgeber interessiert es, ob die Daten, die irgendein Chinese (oder Brite, oder Deutscher; willkürliches Beispiel!) in sein Paper gepackt hat, schon Monate vorher privat veröffentlicht worden sind.

Wissenschaft sollte eine kollaborative Arbeit sein. Wissenschaftler sollten sich (wieder) als Teile einer Gemeinschaft begreifen, die zusammen zu neuen Erkenntnissen kommt. Jeder aufbauend auf der Arbeit der Vorhergehenden und seine Arbeit wieder in die Gesellschaft einspeisend. Dafür muss diese Arbeit allgemein zugänglich sein. Von Gedankenkonstrukten, die geistigem Eigentum ähneln, müssen wir schleunigst und vollständig im wissenschaftlichen Betrieb abkommen. Wir müssen uns einem gemeinsamen Ethos verpflichtet fühlen, der z.B. verbietet, sich mit fremden Federn zu schmücken und wir müssen Strukturen schaffen, die den Rahmen dazu bieten, solche eventuell auftretenden Fälle aufzudecken und somit unattraktiv zu machen. Diese Strukturen dürfen jedoch einer allgemeinen Zugänglichkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zuwiderlaufen.

Mein Kommilitone hat im letzten Sommer übrigens selbst keine schriftliche Arbeit verfasst. Aber selbst wenn er das getan hätte, wären beide, seine und meine Arbeit jeweils das Ergebnis von gemeinsamer und individueller Anstrengungen gewesen und niemand hätte sich übervorteilt fühlen müssen.

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