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Ungezähmt

Ich habe das Youtube-Video von Saddam Husseins Hinrichtung gesehen. Die Gründe kann ich nicht vollständig angeben, aber dabei spielte zumindest auch eine Rolle, dass ich mich des Grauens, des menschlichen Unrechts versichern wollte, das in der Folge (und im Verlauf) des verbrecherischen Kriegs der USA (vornehmlich) gegen den Irak begangen wurde, es in Erinnerung rufen. Ich verspürte keine Genugtuung dabei, keine Befriedigung darüber, dass ein Völkermörder nun selbst sein Leben lassen musste. Nur Ekel. Ekel vor dem berüchtigten lupus homini, der so wenig gezähmt ist wie vor 1000 Jahren. Er ist oft versteckt, hinter Anzügen, schwelgenden öffentlichen Reden oder auch nur den Wohnungstüren. Es ist von der Warte aus, die die meisten von uns hier in der sogenannten zivilisierten Welt einnehmen, oft unvorstellbar, was Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage sind. Aber es wäre verlogen und heuchlerisch, ernsthaft zu behaupten, wir – als Menschen – wären darüber hinweg; gelegentliche Morde, private oder staatliche Folterungen, Misshandlungen seien nur schreckliche Ausnahmen. Das Betrachten von Bildern und Videos aus teils ach so fernen Ländern kann dabei helfen, sich mit der unmenschlichen menschlichen Art auseinander zu setzen.

Die Videos von dem, was Muammar al-Gaddafi gestern geschehen ist, habe ich nicht gesehen und ich werde das auch vermeiden. Die BILD-Zeitung hat natürlich ihr Möglichstes getan, um diesen Vorsatz zunichte zu machen, und so kenne ich jetzt zumindest ein Foto seines blutüberströmten, toten Gesichts. Christian Stöcker schreibt heute bei Spiegel Online darüber, wie die technischen Möglichkeiten des Netzes nicht nur ermöglichen, solcherart Zeugnisse von der „archaische[n] Tradition des Diktatorenlynchens“ im „wilden Teil der Welt“ für das „(wohlige?) Schaudern“ der hochtechnisierten, modernen Weltbevölkerung verfügbar zu machen. Sie haben angeblich auch dazu geführt, dass diese Zeugnisse von der Weltöffentlichkeit eingefordert werden (wie beim Tod von Osama Bin Laden).

Viele sehen sich solche Videos oder Fotos sicherlich mit dem Gefühl der Befriedigung an, derjenige habe nun bekommen, was er verdient, und ergötzen sich am Anblick. Vielleicht trifft das sogar auf die Mehrheit der Zuschauer zu, ich weiß es nicht. Ich halte es trotzdem für gut, dass diese Möglichkeit besteht, dass es die Bilder und Videos gibt, dass sich jeder durch Technologie selbst ein Bild machen kann, so grauenhaft es sein mag. Wir werden gerade in unserer heimischen Welt systematisch der Realität entfremdet. Sei es durch fein säuberlich verpacktes Fleisch im Supermarkt, das keine Rückschlüsse mehr auf seine Herkunft und Entstehung zulassen will, sei es durch sprachliche Abstrahierung und Technisierung militärischer Vorgänge („Target destroyed!“). Ich glaube fest daran, dass dagegen nur ein Mittel hilft: die rücksichtslose Zurschaustellung der Realität, je archaischer, je unmenschlicher, je grauenhafter, desto besser. Denn nur so kann uns etwas gelingen, das nötiger wird als je seit dem zweiten Weltkrieg: Mitleid zu erlernen und unser Handeln und das unserer Vertreter darauf aufzubauen.

Dazu gehört auch, sich bewusst zu machen, dass es im Kriegszustand (den auch Stöcker für die (Mit-)Ursache für den Mord und die Leichenschändung Gaddafis sieht) keine moralische Bewertung mehr geben kann. Ich habe es schon einmal ausgeführt: in dem Moment, in dem sich jemand in den Krieg begibt, hat er zwangsläufig jede moralische Überlegung hinter sich gelassen, denn durch nichts lässt sich moralisch tiefer sinken, als die willentliche Entscheidung, andere Menschen systematisch zu töten und zu verletzen. Es gibt keinen guten Krieg. Es gibt keine humane Weise, Krieg zu führen. Es im Krieg keine Regeln, auf die man sich berufen kann, denn der Krieg ist der Zustand menschlicher Regellosigkeit und moralischer Regungslosigkeit. Im Krieg ist der Wolf losgelassen und der Mensch sinkt aus den Jahrtausenden (vielleicht nur Jahrhunderten oder gar Jahrzehnten) der gewaltsamen Selbstzähmung herab auf die Stufe seiner un-vernünftigen, von niederen Instinkten gesteuerten Vorfahren.

Den libyschen Rebellen, die anscheinend oder zumindest möglicherweise den verletzten ehemaligen Machthaber verhöhnt, ihn endgültig zu Tode geprügelt und schließlich seine Leiche „geschändet“ haben, haben damit Unmenschliches getan. Doch sie trugen, indem sie ihre Taten filmten und stolz verbreiteten, dazu bei, dass andere und womöglich irgendwann auch sie selbst das Unmenschliche im Menschen sehen können, sich selbst hinterfragen und ihr Handeln wo nötig ändern können.

Der Mensch ist gefährlich wie nichts anderes in dieser Welt, aber immerhin hat er die Möglichkeit, sich unter Kontrolle zu bringen. Wenn er Mitleid lernt.

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