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Schlagworte: zukunft

Hier und jetzt

Kolibri

Ich bleibe nicht stehen, nur weil ich nicht weiter gehe. Ich bin. In jedem Moment bin ich. Um dieses Moments willen. Was willst du denn mal machen?Was soll aus dir werden?Glaubst du, dass dich das weiter bringt? – Spätestens ab sofort sind das keine Fragen mehr, die ich mir stelle, geschweige denn, die ich mir stellen lasse. Worauf es ankommt, ist, dass ich etwas für mein Jetzt tue. Jetzt will ich mein Leben leben. Jetzt will ich etwas davon haben. Nicht in Zukunft. Die Zukunft ist mir nicht wichtig.

Wir verschwenden unser Leben mit der Sorge, das Richtige aus ihm zu machen. Aber aus dem Leben macht man nichts. Denn wenn man das getan hat, ist es vorbei. Mein Leben ist nicht mein Lebenslauf. Mein Leben ist ein großer Haufen einzelner Momente, die mehr oder weniger dicht hintereinander in der Zeit geschehen. Sie beeinflussen sich, natürlich. Das was ich früher getan habe, bestimmt mit, was jetzt ist. Aber so einfach ist es nicht. Vor allem lässt es sich nicht darauf reduzieren.

Ich mache Abitur, um zu studieren. Aber ich muss nicht studieren, niemand kann mich davon abhalten, mein Glück woanders zu suchen. Ich studiere – ein Fach, das ich geliebt habe. Ich studiere es, weil ich es schon immer studieren wollte. Weil ich darauf hingearbeitet habe. Ich scheitere daran. Grandios. In dem Moment, in dem mein Traum von dem Leben, wie es sein sollte, untergeht, bin ich befreit. Ich studiere, aber irgendetwas, das ich in diesem Augenblick interessant finde. Und was kann man damit später machen? Nein: Was willst du damit später machen? ist die Frage, die ich ungezählte Male höre.

Ich antworte darauf, wie es erwartet wird, weil ich den Konflikt mit einem ganzen Glaubenssystem fürchte, in das mehrere Milliarden Menschen eingebunden sind. Ich antworte mit einer Reihe von Berufen, die man theoretisch ergreifen könnte mit einem Abschluss in dieser Fachrichtung. Innerlich aber habe ich eine andere Antwort: Ich weiß es nicht. Ich will es auch nicht wissen. Es ist irrelevant für mich. In diesem Moment ist es das Richtige, weil es mir Spaß macht, meinen Horizont erweitert und ja, auch weil es mir überhaupt irgendeinen Abschluss gibt. So weit bin ich doch noch eingebunden in die Welt der Altvorderen. So fremd bin ich ihr noch nicht, dass ich nicht weiß, dass das, was ich will – nämlich in jedem Moment tun was ich will – mir deutlich erschwert wird, wenn ich keinen Abschluss habe. Meine Möglichkeiten werden mir von der Gesellschaft, in der ich lebe, wahrscheinlich eingeschränkt werden, wenn sie mir begegnet und herausfindet, dass ich keinerlei Ausbildung abgeschlossen habe. Ob ich davon unabhängig gebildet bin, fähig, viele verschiedene Dinge zu tun, Berufe auszuüben, wird ihr egal sein. Sie interessiert nur ein nutzloses Stück Papier, auf dem steht, dass ich einen von ihr vorgezeichneten Weg zu Ende gegangen bin. Um mir also eine Vielzahl von Möglichkeiten zu erhalten, beuge ich mich ein wenig der Doktrin.

Aber jetzt, danach, mache ich einfach etwas ganz Anderes. Bloß weil ich kann und weil ich Lust dazu habe. Weil ich glaube, dass es mich glücklich macht. Jetzt. Nicht irgendwann. Weil ich hoffe, dass es mich ernährt. Jetzt. Nicht in Zukunft. Ich weiß ja gar nicht, ob ich in Zukunft noch das Gleiche machen will. In Zukunft kann ich mich ja auch von einer anderen Arbeit ernähren. Vielleicht kann ich mich in Zukunft sogar ohne Arbeit ernähren und tue trotzdem etwas. Etwas, das mir dann gerade etwas gibt. Das mir dann als richtig erscheint. Vielleicht ist das dann noch das Gleiche wie jetzt. Das ist aber nicht interessant.

Ich bin was ich bin, wegen dem, der ich war. Doch ich bin nicht sein Sklave und erst recht nicht der dessen, der ich erst sein werde. Dieser existiert noch nicht und ich werde nicht zulassen, dass er Macht über mich ausübt. Ich bin jetzt. Ich bin immer jetzt. Ich weigere mich, zu einer anderen Zeit zu sein.

Bildquelle: Flickr-User Anne Sieben; CC-BY-NC-SA-Lizenz

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