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Schlagworte: urheberrecht

Drei Wünsche für eine Urheberrechts-Fee

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Jo Lendle, Verleger des DuMont-Buchverlags hat drei Wünsche an eine Urheberrechtsdiskussions-Fee. Auch wenn sein Text so kameradschaftlich-kompromissbereit daherkommt und für eine rationalere Betrachtung der Fakten wirbt, sieht es für mich so aus, als wären ihm selbst diese auch nicht so ganz klar.

Sein erster Wunsch ist, dass die Gratispriester endlich einmal den Unterschied zwischen Urheberrecht und Copyright begreifen. Möglicherweise meint er damit den Unterschied zwischen dem Urheberpersönlichkeitsrecht und den Verwertungsrechten. Das wird auch aus dem Kontext nicht so ganz klar, aber nehmen wir einmal an, dass Lendle es so meint.

Dazu kann ich nur sagen: Ja! Bitte! Begreift es endlich! Denn das ist, was unter anderen den Piraten ständig unterstellt wird: Das Urheberrecht abschaffen zu wollen. Was für ein Unsinn. Der Urheber eines Werks soll natürlich immer mit seinem Werk verbunden bleiben. Er hat z.B. Anspruch auf Namensnennung, Erstveröffentlichung usw. (Allerdings finde ich persönlich das Recht auf Unterbindung von Entstellung o.ä. schon problematischer, siehe Mashups, Remixes …) Was wir ändern (nicht völlig abschaffen!) wollen, betrifft vor die Verwertungsrechte.

Unverständlich ist mir der Satz: Wer behauptet, an langen Schutzfristen verdienten vor allem die bösen Verwerter, der lügt. Ähm, wer denn sonst? Bei den derzeitigen Schutzfristen von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers ist dieser doch während der überwiegend geschützten Zeitspanne gar nicht mehr da, um vom Schutz zu profitieren. Die Piraten sind für die Verkürzung der Frist auf 10 Jahre nach dem Tod. Mir ist das zwar auch schon zu lang (für wen soll das gut sein, die Hinterbliebenen? Warum soll die Gesellschaft die auch noch alimentieren?) aber es ist immerhin ein Schritt weg von der derzeitigen Absurdität.

Lendles zweiter Wunsch ist ein deutlicherer Unterschied zwischen digitalem Kleinvieh und tatsächlichen Werken. Das Prinzip der Kleinen Münze sei überholt, man müsse weg von einem Zustand in dem jeder täglich in digitalen Medien hundertfach gleich zum Autor/Urheber wird. Es soll also nicht mehr jeder Schnipsel urheberrechtlich geschützt sein. Doch dafür, Achtung, sei kein anderes Urheberrecht nötig, sondern bloß seine pragmatisch gelassene Anwendung vor Gericht. Nee, is klar. Wer braucht schon Rechtssicherheit? Überlassen wir es einfach dem individuellen Gericht, festzustellen, ob ein Webnutzer oder Remixer rechtmäßig für eine Urheberrechtsverletzung belangt wird oder ob das, was er benutzt/verteilt hat gar nicht schutzwürdig ist. Was in Hamburg schon ein Verbrechen ist und in Köln ein Kavalliersdelikt, wird in Berlin dann als rechtmäßige Nutzung eingestuft. What could possibly go wrong? Oder wird dann nur noch zum Richter berufen, wer das Recht pragmatisch und gelassen auslegt?

Darüberhinaus fragt man sich schon, was genau Lendle sich eigentlich unter digitalem Kleinvieh so vorstellt? Tweets? Instagram-Bilder? Blogeinträge? Die Kleine Münze bewirkt zwar, dass die Hürde für ein schutzwürdiges Werk so gering wie möglich angesetzt ist, aber sie ist auch ein sehr einfaches Prinzip. Überlegungen wie die von Lendle – die sich, wie angeführt, in Gesetzestext und nicht im Richterermessen ausdrücken müssten – würden das Urherberrecht noch weiter verkomplizieren und das ist wirklich das Letzte, was wir gebrauchen können. Ursprünglich als Rechtekatalog für das Verhältnis zwischen Urhebern und kommerziellen Akteuren der Wirtschaft gedacht, ist ja nun gerade das Problem, dass durch das Netz jeder in die Fänge dieses Rechts gerät. Von den beiden erstgenannten Gruppen kann man erwarten, dass sie sich mit den rechtlichen Feinheiten dieses Ungetüms auseinandersetzen, jedoch nicht von Hinz und Kunz, deren einziger Fehler war, sich einen Internet-Anschluss zu bestellen. Deswegen muss das Gesetz einfacher und leichter verständlich gestaltet werden, bzw. seine komplexeren Regelungen eindeutig auf Vorgänge im Bereich der explizit kommerziellen Verwertung beschränkt werden.

Als letztes wünscht sich der <polemik>arme gebeutelte Verleger<⁄polemik>, dass endlich mal anerkannt wird, dass die meisten Verleger ja gar nicht so reich seien, sondern an einem Sparbuch mehr verdienen würden als an der Arbeit als Verleger. Die offensichtliche Antwort nimmt Lendle gekonnt vorweg: Dann lasst es doch! Wer zwingt euch, Verleger zu sein? Und natürlich hat er Recht damit, dass Verlager bzw. Verlage nicht per se unnütz sein müssen. Manch ein Autor ist sehr glücklich über ihre Arbeit. Damit sind wir beim Titel des Artikels: Denn das Risiko, das ein Verleger eingeht, müsse dann aber auch honoriert werden.

Die Frage ist nur: Von wem und zu welchen Konditionen? Wenn ein Autor gern einen Verlag im Rücken hätte, der ihm unangenehme Arbeit abnimmt, dann ist er Dienstleistungsnehmer. Dienstleister werden in der Regel vom Auftraggeber bezahlt. Das offensichtliche Modell ist hier also: Der Autor schreibt, der Verlag macht aus dem Geschriebenen etwas Verkaufbares und vertreibt es und den Erlös teilen sich alle Beteiligten. Wenn der Verlag der Ansicht ist, er könne seine entstehenden Kosten nur dadurch decken, dass er noch 10, 30, 70 nach dem Tod des Autors Geld aus dem Werksverkauf erhält, ganz ehrlich, dann macht er etwas grundsätzlich falsch.

Außerdem, und das ist das wesentliche Problem derzeit, ein Verlag muss, wenn er von seiner Tätigkeit überleben will, aus dem Werk des Autors etwas machen, das sich auch verkaufen lässt. Hier erweitern wir den Fokus mal wieder ein bisschen. Etwas, das faktisch ständig und überall (Am Norpol, im Dschungel, auf dem Klo) gratis in einer Form verfügbar ist, die für den Konsumenten gleichwertig zur verkauften Version ist, lässt sich nicht verkaufen. Darunter fällt alles, das verlustfrei in Bits übersetzt werden kann. Für solche Dinge muss man sich eben Anderes überlegen, das sich mit den Bits bündeln lässt und für sich attraktiv ist: Aufwendige physische Gestaltung z.B. Eintritt zu Konzerten/Lesungen z.B. Diese verkaufbaren Dinge zu finden und sie geschickt mit nicht verkaufbaren zu bündeln, das ist die Aufgabe für Verleger, die noch eine Weile von ihrer Arbeit leben wollen.

Zum Thema Verlage habe ich übrigens vor knapp zwei Jahren schon einmal etwas geschrieben.

Bildquelle: Flickr-User brewbooks; CC-BY

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Welches Urheberrecht?

Während wir Piraten (laut Parteimeinung) noch fordern, dass das Urheberrecht modernisiert und an das Internet angepasst werden muss, fordern andere bereits seine Abschaffung. Realität ist aber, dass es schon abgeschafft ist. Es haben nur noch nicht alle gemerkt.

Ich bin ja eigentlich immer noch der Meinung, dass das Konzept Follow the money nach wie vor wunderbar funktioniert. Will sagen, wenn jemand versucht, Geld damit zu verdienen, per Gesetz unter der Verfügungsgewalt eines Verwerters/Urhebers stehendes Material zu verbreiten, dann ist es ziemlich leicht, ihn zu kriegen. Wenn man jemanden am Schlaffittchen hat, dann lassen sich auch Gesetze rechtlich durchsetzen. Unkommerzielles Verteilen, Kopieren, Verwenden, Remixen allerdings … vergesst es. Das Netz, sollte es in seiner Form und technischen Realisierung weiterbestehen, die der jetzigen auch nur ähnelt, macht umfassende Ansprüche von Urheberrechtsdurchsetzung vergeblich und obsolet. Dafür braucht man nicht mal Ideologie oder gar eine Meinung zu dem Thema. Es folgt einfach aus den Fakten. Diese Fakten lassen sich auch nicht ändern. Nicht, wenn das Internet weiterexistieren soll.

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Schwachsinnige, euer Bus fährt

Lehrer Lämpel

Nur mal wieder so ein Bit, über das ich gerade gestolpert bin, und das demonstriert, was sich manche Urheber so alles einbilden, welche Teile der Welt und der Kultur unter ihre Verfügungsgewalt fallen sollten: Der Autor des Romans Fahrenheit 451, Ray Bradbury, hatte eine sehr dezidierte Meinung über Michael Moores Filmtitel Fahrenheit 9/11:

Michael Moore ist ein dämlicher Drecksack. So denke ich über ihn. Er hat meinen Titel geklaut und die Zahlen ausgewechselt, ohne mich jemals um Erlaubnis zu fragen.

Potztausend!

Kulturproduktion nutzt vorhandene Kultur, um Neues zu schaffen und Altes mit neuer Bedeutung zu versehen. Immer schon. Ohne um Erlaubnis zu fragen. Dies zu verlangen ist auf groteske Weise anmaßend. Ich empfehle an der Stelle aus den vielfachen lesenswerten Artikeln, die dieser Tage zu dem Themenkomplex so erschienen sind, diesen von Anatol Stefanowitsch.

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Nachtrag:
Der Titel dieses Artikels ist ein Zitat aus Und täglich grüßt das Murmeltier, ich habe nicht um Erlaubnis für die Verwendung gefragt. Das Bild ist von Wilhelm Busch, der – in diesem Falle: glücklicherweise – schon seit über 70 Jahren tot ist. Der Text handelt im Prinzip ausschließlich von Werken fremder Leute, die Schöpfungshöhe für ein eigenständiges Werk habe ich möglicherweise nicht überschritten, womit das Zitatrecht nicht mehr greift, weder für den Titel noch für die Wiedergabe von Inhalten der FAZ (oder Ray Bradburys?). Skandal.

Die Liste IV

Auch diese Woche hat es nicht zu mehr gereicht, als eine Liste von lesenswerten Artikeln rauszuhauen. Nun, hier ist sie:

→ IWF in Erklärungsnot (taz)
Die taz beleuchtet den Wirtschaftsaufschwung in Argentinien und welche Maßnahmen seit 2002 im Land ergriffen wurden. Völlig überraschend waren das die Einstellng des Schuldendienstes des Landes, Abkopplung der Währung vom US Dollar, Abkehr vom Internationalen Währungsfonds, Konjunkturpakete und dann ein radikaler Schuldenschnitt. Ja wie jetzt?! Ohne die Finanzmärkte sklavisch zu bedienen kann ein Land aus einer katastrophalen Lage entkommen? Muss man denn nicht Staatsausgaben und Löhne senken? Steuern auf Teufel komm raus erhöhen? Nein? Seltsam.
→ Das Ende der Generation Karriereplaner (Jens Scholz)
Jens Scholz schreibt über die Methoden der Karrieristen, die es schon immer gab. Über ihren Aufbau von Seilschaften, ihre Rücksichtslosigkeit und Korruption. Und darüber, wieso sie jetzt langsam ein massives Problem haben.
→ Kopieren verboten? Eine kleine Geschichte des Urheberrechts (WDR 5)
Eine (vermutlich) vierteilige Serie von Fünf-Minuten-Beiträgen über die Geschichte des Urheberrechts. Ich verlinke die Seite des vierten Teils, weil da Links auf alle vorhergehenden Folgen drinstehen. Gefunden habe ich das bei Dirk von Gehlen.
→ Was wäre echte Netzneutralität? (mspro auf ctrl+verlust)
Mspro überlegt, was wir eigentlich wollen, wenn wir sagen, dass wir Netzneutralität haben wollen. Denn so ganz einfach ist das nicht zu beantworten – und die Antwort umzusetzen erst recht nicht – wenn man erstmal anfängt wirklich darüber nachzudenken.
→ DIE "SOLIDARPRINZIPIEN" EINER SOLIDARGEMEINSCHAFT - Das geheime Finanzierungsumverteilungssystem der GEMA (Musiker News)
Hier beschreibt jemand, in welche Richtungen bei der GEMA so die Gelder fließen und zwar genau zu denen, die auch autokrtisch entscheiden, wo sie hinfließen. Wundert mich überhaupt nicht. Es liegt total auf der Hand, dass das bei einer wie auch immer gearteten Kulturflatrate bestimmt ganz anders wäre! Diese Verteilungsscheiße kann systembedingt nicht gerecht zugehen, selbst wenn die Akteure das wollten. Aber was rede ich …
→ Der Fefe der Woche
In Georgia (USA) lernen Grundschulkinder Mathe mit Textaufgaben, in denen sie ausrechnen müssen, wieviele Orangen jeder Sklave vom Baum pflückt und wieviele Schläge er pro Woche bekommt.

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Godwin's Law! Jetzt auch mit Urheberrecht!

Es gibt so Texte, die führen dazu, dass man beim Lesen zunächst den Kopf auf die Hand stützt, die Hand dann langsam vor die Stirn führt, immer mehr das Gesicht darin vergräbt, bis man schließlich nur noch durch die Finger blinzelt, weil man kaum wagt, sich den nächsten Satz zuzumuten.

4nduril beim FazialpalmierenDazu eignen sich übrigens besonders gut Texte über das Urheberrecht. Bis hierher dürften sich noch alle einig sein. Den einen geht es so, wenn sie Texte wie die von z. B. Marcel Weiß, oder auch mir lesen; ich nehme die beschriebene Haltung aber eher bei Texten wie diesem taz-Interview hier ein. Gefunden habe ich ihn übrigens durch @343max, der auch gleich die größte Frechheit in seinem Tweet herausstellt. Die Argumente geh’n nicht mehr, da hol’ ich mir nen Nazi her. Das ganze Interview mit Stefan Goldmann ist aber so gespickt mit wirren Ideen und Vorstellungen, dass man geneigt ist, bösen Willen zu unterstellen. Aber halten wir es lieber mit Joseph Joffe: Versuche nie durch Konspiration zu erklären, was auf Chaos oder Inkompetenz zurückgeführt werden muss. Ich bin grad in der Stimmung, die Aussagen von Goldmann auf ihren Blödsinn-Gehalt hin zu untersuchen, der meiner Meinung nach an fehlerhaften Beobachtungen und mangelnder Übersicht geschuldeten Fehlinterpretationen liegt.

Das Problem ist, dass der Interviewte sehr richtige Dinge mit total abstrusen Ideen mischt oder aus den richtigen Fakten falsche Schlüsse zieht. Beispielsweise sagt er sehr sympathisch, dass Kunst nicht nach Aufwand bezahlt wird. Korrekt. Der Aufwand, den Künstler betreiben (müssen), ist vollkommen irrelevant, wenn es darum geht, ob sie etwas dafür bekommen. Das einzige, was eine Rolle spielt, ist das Interesse des Publikums. Oder, wie er sagt, die Nachfrage. Nur, was er völlig unter den Tisch fallen lässt, ist die Frage, was denn das Ziel der Nachfrage ist. Was will denn das Publikum? Will es Tonträger kaufen? Will es die Musik hören? Will es Live-Auftritte sehen? Wenn es nur um das Hören geht, kann aus der Nachfrage kein Einkommen generiert werden, sofern es Aufnahmen dieser Musik gibt. Veröffentlicht ein Musiker auch nur in minimalster Auflage seine Werke, völlig egal ob auf Tonträgern oder direkt über das Netz, ist die Musik verfügbar. Immer und für jeden. Tonträger lassen sich aus drei Gründen noch verkaufen:

  1. Wir sind gerade mitten innerhalb der Veränderungsphase und noch nicht danach. Es ist noch nicht bei der gesamten Bevölkerung angekommen, wie leicht verfügbar Musik ist.
  2. Die Käufer sind Sammler und der Besitz von physischen und bestenfalls zahlenmäßig begrenzten Tonträgern ist für sie ein Wert an sich.
  3. Für die Käufer ist der Tonträger eigentlich irrelevant, sie möchten aber den Künstler belohnen und sie sind der Meinung, dass der Kauf von Tonträgern der leichteste Weg ist.

Punkt 1 wird sich in absehbarer Zeit erledigen. Punkt 3 vermutlich irgendwann auch, weil es immer mehr und immer bessere Bezahlsysteme gibt, mit denen man ohne Umwege über Vertrieb, Label usw. dem Künstler direkt Geld zukommen lassen kann. Punkt 2 ist der einzige, der sich wahrscheinlich noch länger hält, aber sein Umfang ist, vermute ich, so gering, dass diese Umsätze vernachlässigbar sind. Also: Nachfrage nach Tonträgern – Fehlanzeige.

Die offensichtliche Lösung für Musiker bringt Goldmann am Ende des Interviews, allerdings mit dem obskuren Label der postdigitalen Ökonomie versehen. Er nennt den DJ Richie Hawtin, der seit 2003 nicht mehr veröffentlicht, sondern eben Live-Performances macht: Sein Inhalt ist also überhaupt kein kopierbares Werk mehr, sondern eine persönliche Anwesenheit. Ja, Herrgott, genau das ist es! Wenn du etwas verkaufen willst im Sinne von Ware anbieten, für die Menschen bezahlen sollen, dann muss deine Ware etwas sein, das nicht allverfügbar ist. Das ist aber nicht postdigital, das ist die Ökonomie der Kunst, und insbesondere der Musik, im Digitalzeitalter. Genau betrachtet und auf diese simple Formel heruntergebrochen, ist es die Art und Weise, wie Marktwirtschaft schon immer funktioniert. Das einzige, was sich geändert hat, sind die Dinge, die man verkaufen kann, weil sie knapp sind.

Völlig verwirrt ist auch die Aussage, es gebe keine freie Verfügbarkeit im Netz. Den Ausdruck muss man schon gehörig umdefinieren, um zu Goldmanns Position zu kommen. Er behauptet nämlich, der Zugang wäre ja gar nicht frei, weil die Anbieter wie Youtube ja Werbung schalten. Doch, nur zu, das muss man erstmal sacken lassen. Wie schräg ist der Gedanke denn? Zum einen sind Youtube und Konsorten ein winziges Subset der digital im Netz verfügbaren Musik. Ich werfe nur die offensichtlichsten Stichworte in den Raum: p2p, 1-Click-Hoster. Zum anderen ändert sich an der Verfügbarkeit der Inhalte nichts aber auch gar nichts, wenn daneben Werbung eingeblendet wird. Text- und Bildwerbung. Optische Werbung. Neben Musik. Zum Hören. And I would do anything for love … kchrks and for Grandma Tootsie’s Butter Cookies! Hmmm, delicious! kchrks … but I won’t do that. Oder wie? Und ja, mir sind die Werbetrailer vor bestimmten Videos bekannt, aber es ist ja nicht so, als könnte man die mp3 nicht aus Youtube rausziehen und anderswo oder sogar dort erneut hochladen. Die eigentliche Musik ist ja intakt. Und dann ist er wirklich fast so niedlich, dass man ihm in die Wange kneifen möchte: Die Anwesenheit von Youtube usw. sei nur eine Momentaufnahme, weil – festhalten – die rechtssystematischen Folgen zu gravierend wären, als dass es dabei bleiben könnte. Entschuldigung, ich muss mir kurz die Tränen abwischen. Wie bitte? (Einschub in eigener Sache: Sorry, ich dachte, der Artikel hier würde etwas sachlicher werden, aber das ist einfach zu köstlich, was für Ideen manche Leute haben.) Sekundiert wird das übrigens von dem Halbsatz, dass irgendwann eh bestimmte Inhalte gar nicht mehr ins Netz gelangen würden, ob legal oder illegal spiele dabei jetzt auch keine Rolle. Wohlgemerkt, vertieft oder begründet wird diese These nicht. Wenn man sehr gutmütig ist, könnte man das so interpretieren, dass er damit meint, dass es die Künstler bald alle wie Richie Hawtin machen und nichts mehr im eigentlichen Sinne veröffentlichen. Da muss ich jetzt aber einfach sagen: Glaub ich nicht. Die nicht so gutmütige Interpretation ist: Er wirft einfach irgendwelche Behauptungen in den Raum, die dazu da sind, Unleugbares zu diskreditieren und in den Köpfen der Leser durch bloße Worte Fakten zu schaffen. Das würde ich ihm jetzt natürlich nicht unterstellen, aber auf den Gedanken könnte man kommen. Schon interessanter ist der Einwand, dass die Technik, um kontextsensitive Werbung zu ermöglichen, irgendwann bedingt, dass die Anbieter die Inhalte kennen, also auch automatisch filtern könnten. Dass dann die üblichen Verdächtigen per Lobbygesetze die Anbieterhaftung stärker durchzusetzen versuchen, liegt auf der Hand. Ich gebe zu, dass das ein denkbares Szenario ist, und dass es sich er sehr sehr schade wäre, ein kulturelles Archiv wie Youtube zu verlieren, aber ich kann mich nur wiederholen: Es ändert an der Situation nichts, dass Musik immer und überall verfügbar ist. Youtube ist nicht die Menge aller Musik im Web und das Web ist nicht das Internet.

By the way: Natürlich gibt es hier auch wieder die klassische Argumentatioslinie, die Internetkonzerne bereichern sich durch Kunst anderer Leute, während die Künstler leer ausgehen. Das korreliert übrigens mit einer Beobachtung, die mspr0 neulich aufgeschrieben hat. Die Gesellschaft ist durchsetzt von Neid. Der (unterstellte) Gedanke ist Folgender: Wenn ich kein Geld mit etwas von mir hergestelltem verdienen kann, dann soll das auch kein Anderer dürfen. Das ist derselbe Gedanke, der hinter Non-Commercial-Lizenzen steht und ich finde ihn nicht nachvollziehbar. Denn hier nimmt niemand jemandes Einkommen weg. Die eine Seite findet keine Möglichkeit zur Monetarisierung der eigenen Leistung. Wie wir alle wissen, gibt es auch kein Recht auf Einkommen durch die eigenen Werke. Ich kann mich schließlich auch nicht mit meinem Kram auf den Flohmarkt stellen, der da schon hundertfach angeboten wird, und dann mich dann beklagen, dass ihn niemand kaufen will. Oder nicht zu dem Preis kaufen will, den ich mir vorgestellt habe. Das ist ein Markt. Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Wird das Angebot zu groß, fällt der Preis. geht das Angebot gegen unendlich, geht der Preis gegen null. Das kann man einen ärgern, aber das kann das Wetter schließlich auch. So. Und auf der anderen Seite, völlig unabhängig vom Preisverfall, bzw. vom Wegfall der Verdienstmöglichkeiten, gibt es jemanden, der sehr wohl eine Idee hat, wie man Geld verdienen kann. Das sind aber zwei voneinander unabhängige Dinge. Es ist nicht so, als würde der erste urplötzlich ein Einkommen haben, wenn der zweite seins nicht mehr hätte. Das verstehen halt viel zu viele einfach nicht.

Ich habe mich bei der Lektüre auch gefragt, inwiefern die taz da möglicherweise unzulässig gekürzt hat. Denn die Aussagen von Goldmann sind teils so wirr hintereinander gesetzt, dass man vergeblich versucht herauszufinden, was er eigentlich sagen will. Zum Beispiel stellt die taz die Frage: Welche Konsequenzen hätten Lockerungen im Urheberrecht eigentlich für die Gesamtwirtschaft? Darauf beginnt die Antwort mit der Aussage, dass Urheberrecht ja Teil eines größeren Komplexes sind. Richtig. Dass es bei Schutzfristen nicht um Kunst gehe, sondern um die Sicherung von Erzeugnissen geistiger Arbeit. Äh, Sicherung der Erzeugnisse? Meiner bescheidenen Meinung nach, wäre die beste Sicherung eine möglichst weite Distribution und möglichst einfach Zugang, aber was weiß ich schon. Oder meint er die Sicherung der Bezahlung dieser Erzeugnisse? Klingt schon einleuchtender, aber ist natürlich wie oben beschrieben ein Wunschtraum, der noch niemals erfüllt war, wie sollte das auch gehen? Dann sagt er, dass wenn Urheberrechte nicht schützenswert seien, dann müsse das auch für Patente, Marken und wettbewerbsrechtlich Positionen gelten. Hier lohnt es sich schon wieder einzuhaken.

Patente, ja. Der ursprünglich Sinn von Patenten war die Verbreitung und der leichte Zugang von Erfindungen bei einer gleichzeitigen, zeitlich sehr befristeten Monopolisierung des Marktes zu Gunsten des Erfinders. DAvon hatten alle Seiten etwas. Der Erfinder verdiente in den ersten Jahren nach Anmeldung des Patents bei allen kommerziellen (!) Anwendungen seiner Erfindung mit. Dafür mussten die zugrundeliegenden Prinzipien und Techniken offen gelegt werden und konnten von jedermann benutzt werden. Nach Ablauf der Schutzfrist war die Erfindung damit Allgemeingut. Mittlerweile werden die Schutzfristen aber immer weiter ausgedehnt und dienen immer mehr nur der Bereicherung der Rechteinhaber (was im Übrigen nicht gleichzeitig auch der Erfinder sein muss). Das Patentwesen ist eine einzige Katastrophe und müsste dringend wieder zumindest so weit zurückgebaut werden, dass es seiner ursprünglichen Aufgabe – dem fairen Ausgleich zwischen Erfinder und Gesellschaft – nachkommt.

Von einer Abschaffung der Urheberrechte (die bei dieser Aussage von Goldmann ja als Prämisse angenommen wird) reden übrigens immer nur die Gegener von radikalen urheberrechtlichen Reformen. Beispielsweise finde ich, dass Urheber immer rechtlich mit ihrem Werk verbunden bleiben müssen. Ihr Name muss genannt werden bei allen Nutzungen des Werks, und dergleichen mehr. Insofern ist es natürlich auch Unsinn, zu behaupten, dass das Markenrecht abgeschafft werden soll. Natürlich soll es weiterhin rechtliche Mittel geben, zu verhindern, dass jemand meinen Namen benutzt, eine eigene Coca-Cola-Website aufsetzt oder Ähnliches. Ja, alle Immaterialgüterrechte müssen auf den Prüfstand. Nein, sie sollen nicht alle abgeschafft werden.

Leider diskreditiert sich Goldmann mit den nächsten Ausagen völlig, die schließlich im Nazi-Beispiel gipfeln, dass hier im Titel angesprochen wird. Die härtesten Beispiele werden nämlich genannt, um die vermeintliche Absurdität der Forderung von freiem Zugang darzustellen: Waffenbaupläne, pharmazeutische Formeln und Schutzbezeichnungen. Es sei dann kein langer Weg mehr zu einem Arzt im OP, der eigentlich gar keiner ist. Was für ein Unsinn. Wie gesagt, es geht nicht um die vollständige Aufhebung des gesetzlichen Schutzes aller nur denkbaren Dinge. Ging es nie. Und schließlich: 2015, sagt Goldmann dann, enden die letzten Schutzfristen für Werke von Juden, die von den Nazis ermordet wurden. Danach könnten etwa Nazitexte mit Musik dieser jüdischen Künstler unterlegt werden, ohne, dass man das verhindern kann. Ja, stimmt. Und? Zunächst mal ist das so dermaßen weit hergeholt. Welche Naziband, die was auf sich hält, würde denn Musik von ermordeten Juden benutzen? Davon abgesehen muss ich aber auch sagen, dass das so nun mal ist in einer freien Gesellschaft. Wir können nicht alle Freiheiten abschaffen, nur weil sie jemand zu schlimmen Dingen benutzen könnte. Das ist nämlich das sogenannte Kinderporno-Argument: Weil es ja verachtenswerte Individuen gibt, die über das Internet Kinder-Pornographie (oder beliebig ersetzbar durch: Hetzschriften, Bombenbauanleitungen usw.) verbreiten und austauschen, muss das Internet möglichst vollständig überwacht werden. Weil im öffentlichen Raum hin und wieder Menschen überfallen werden, muss es eine lückenlose Videoüberwachung geben. Äh, nein. Wir müssen damit umgehen. Verbrechen lassen sich nicht durch Abschaffung von Freiheiten unterbinden. Die Nutzung von Werken auf eine Art, die dem Urheber, seinen Nachkommen oder relativ unbeteiligten Rechteinhabern nicht passt, erst recht nicht. Da muss ich auch mal polemisch fragen: Wo kämen wir da auch hin?! Wir sind eine Informationsgesellschaft. Wir definieren uns über Informationen, Werke, Kultur. Wir müssen sie möglichst frei teilen können.

Über die Details müssen wir uns sicher unterhalten. Aber Beiträge wie dieses unsägliche Interview, das mit unwahren Unterstellungen, mangelndem Verständnis von Marktsituationen und Verunsicherung (Waffen! Illegale Ärzte!! Nazis!!! Über die unsägliche Korrelation von Menschenrechten und Urheberrechten rede ich erst gar nicht.) um sich wirft, trägt zu nichts etwas bei außer zur Verhärtung der Fronten.

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