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Schlagworte: twitter

4Twitter

Bei den Sozialtheoristen spricht Stefan Schulz von Twitter als sicherem Ort. Letztlich geht es um Kommunikation ohne Adressaten und Ordnung derselben durch Hashtags. Aber im vorletzten Absatz skizziert Stefan ein konstruktives 4Chan, das neben dem Adressaten auch den Autor ignoriert. Ich finde die Idee großartig! Das müsste mal jemand™ bauen. Mir schwebt das so ungefähr folgendermaßen vor.

Die Nachrichten/Beiträge, die von Nutzern gesendet werden, enthalten als Metainformationen nur das Datum und eine möglicherweise vorhandene Referenz auf eine andere Nachricht, falls der Autor zum Verfassen auf "Antworten" bei dieser Nachricht geklickt hat (so, wie man bei Twitter auch in einzelnen Tweets auf Antworten klickt, um @replies zu verfassen). Durch diese Funktion lassen sich direkte Gespräche innerhalb des Stroms ansatzweise nachvollziehen.

Es gibt also keinen Hinweis darauf, wer einen Beitrag verfasst hat (wie bei 4Chan). Das Resultat ist ein für jeden Benutzer gleichartig sichtbarer, öffentlicher Strom aus Beiträgen. Da das nicht besonders praktisch ist, um einen Sinn zu erfassen oder sich auch nur auf ein bestimmtes besprochenes Thema zu konzentrieren, gibt es Hashtags, die die gleiche Funktion wie bei Twitter haben. Nur, dass jedem Beitrag ein Hashtag zugewiesen wird. Die Nutzer werden durch das System gezwungen, jeder ihrer Nachrichten vor dem Absenden ein Tag zuzuweisen. Dabei kann man sowohl beliebige eigene und/oder neue eingeben, als auch aus bereits innerhalb des Systems verwendeten auswählen (was praktisch ist, um seinen Beitrag in ein bestehendes Thema zu integrieren).

Um dem Strom Herr zu werden, abonniert man. Nicht Nutzer, sondern Hashtags. Der im eigenen Account angezeigte Strom besteht so nur noch aus Beiträgen, die mit Tags versehen sind, die man abonniert hat. Ich könnte zum Beispiel #wortspiel, #politik, #linux und #urlaub abonnieren und bekäme ausschließlich Beiträge zu sehen, die mit einem oder mehreren dieser Begriffe getaggt sind. Über eine API könnten externe Anwendungen natürlich auch für jedes Tag einen eigenen Strom darstellen oder jeweils nur Subsets von abonnierten Tags. Um den Problemen des thematischen Unterwanderns (siehe unten: Welche Eigenschaften hätte dieser Dienst) zu begegnen, könnte man auch implementieren, dass man gezielt Tag-Kombinationen abonnieren kann. Also nicht alles, was #politik oder #linux enthält, sondern #politik und #linux.

Um ein neues Hashtag zu etablieren, d.h. für andere sichtbar zu machen, müsste neben dem neuen schon mindestens ein bekanntes zusätzlich in die Nachricht integriert werden. Wenn also z.B. das Tag #piraten schon bekannt ist und der erste etwas zum Bundesparteitag der Piraten im Jahr 2012 schreiben will, sollte er den Beitrag mit #bpt12 und zusätzlich mit #piraten taggen. (In dem Fall wäre das möglicherweise auch durchgehend sinnvoll, weil ja vermutlich auch andere Parteien über ihren BPT schreiben.) Wenn dann eine Weile beide Tags parallel gelaufen sind, kann irgendwann (eventuell) das ältere weggelassen werden, weil vermutlich in der Zwischenzeit andere Nutzer das neue Hashtag abonniert haben.

Ich habe darüber nachgedacht, ob man auch die Tags als Metadaten mitschickt anstatt im Messagebody, aber das würde dazu führen, dass die Nutzer viel zu viele Tags gleichzeitig benutzen. Es soll aber gerade darauf ankommen, die Beiträge thematisch möglichst präzise und eng einzuordnen.

Weil aber trotzdem oft mehr als ein Tag pro Beitrag gebraucht wird (z.B. um ein neues bekannt zu machen), sind 160 Zeichen vermutlich zu wenig. Zu lang sollte es aber auch nicht werden, weil Verknappung wie bei Twitter zu Prägnanz führen kann. Vielleicht also 200 Zeichen oder 220. Das sollte genügen.

Auf der Weboberfläche (und auch per API zugänglich) können die aktuell meistbenutzten Tags aufgeführt werden oder auch sowas wie ähnliche Tags zu denen, die man schon abonniert hat (das würde aber womöglich semantische Analysen erfordern).

Hm, Nutzer. Wer oder was ist der Nutzer. Muss man sich überhaupt anmelden? Von der Systemlogik her nicht. Wenn man die Anwendung per Weboberfläche und nicht per externes Programm benutzen will, bräuchte es zumindest Cookies, die sich die Abos merken. Das funktioniert dann aber nicht über mehrere Geräte hinweg. Daher könnte es zum Zweck der Bequemlichkeit schon interessant sein, einen Account zu haben.

Beiträge schreiben kann man aber auf jeden Fall auch ohne. Das bedeutet vor allem, dass jegliche Einstiegshürde zum Beitragen wegfällt. Man kann einfach die URL aufrufen, sieht z.B. den allgemeinen Strom und beliebte Tags und ein Eingabefeld, in das man eintippen kann, was einem gerade einfällt.

Welche Eigenschaften hätte ein in dieser Weise aufgebauter Dienst?

  • Gerichtete Kommunikation (im Sinne von: auf Personen gerichtet) wird vollständig unterbunden und durch eine rein thematische ersetzt.
  • Es lassen sich nicht wie bei Twitter Nutzer und damit Beiträge ausblenden, jedenfalls, wenn sie mit einem Hashtag versehen sind, dass man abonniert hat.
  • Trollerei wäre an der Tagesordnung (4Chan).
  • Ob das Ganze für Werbung ausgenutzt/missbraucht werden würde, kann ich nicht abschätzen. Aufgrund des anonymen und damit vermutlich 4channigen Kommunikationsverhaltens der Nutzer wäre die Attraktivität für Werbende, dort aufzutauchen und mitzumachen, vielleicht nicht besonders hoch. Andererseits … naja.
  • Durch das Modell des thematischen Abonnierens lässt sich ein Strom von Beiträgen generieren, der, obwohl er leicht zu unterwandern ist, indem man einfach thematische unpassende Tags wählt, wahrscheinlich vorrangig Inhalte zeigt, die den Abonnenten interessieren. Insbesondere, wenn man Tag-Kombinationen abonniert.

Ich finde das Modell jedenfalls interessant und würde es ausprobieren und mitmachen, wenn es sowas gäbe. Die Kommunikation, die sich dabei herausbildet, wäre bestimmt spannend.

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Die Spatzen zwitschern es schon von den Dächern

Bundesversammlung wählt Bundespräsident

Nachdem vor einiger Zeit Horst den Adler verlassen hat, wird also heute der kommende Bundespräsident Deutschlands gewählt. Was war da denn nochmal im letzten Jahr passiert … ach ja! Wir erinnern uns. Julia Klöckner (CDU) und andere hatten das Ergebnis der Wahl eine knappe Viertelstunde vor der offiziellen Bekanntgabe durch den Bundestagspräsidenten getwittert. Man muss sich das einmal vorstellen! Getwittert! Zu früh! Potztausend! Und das bei einer Wahl des Repräsentanten einer Nation. Kleingeister mögen anmerken, dass dieses Ereignis doch vor allem den Souverän betreffe und angehe, dass es also legitim sei, es eben jenem Souverän so bald wie möglich mitzuteilen. Aber doch nicht bei uns! Das Protokoll muss doch eingehalten werden. Es gibt Regeln, an die sich die Beteiligten zu halten haben. Kristina Schröder (damals noch Köhler; Zufall? Wir glauben: nein.) betonte den Respekt vor dem Bundestagspräsidenten als Grund für ihre konforme Zurückhaltung.

Deswegen ist es nur verständlich, dass für heute teils strenge Vorgaben ausgesprochen wurden. Die Mitglieder der Zählkommission müssen ihre Handys vorher abgeben. Die Wahlmänner der SPD-Fraktion wurden angewiesen, keine Ergebnisse vorab zu veröffentlichen. Die Unionsfraktion hat ebenso klare Worte geäußert. Schließlich kann ja keiner wollen, dass die Würde des Parlaments untergraben wird.

Liegt eigentlich nur für mich die Absurdität dieser Vorgänge auf der Hand? Die Vorschrift, dass der Bundestagspräsident dem zukünftigen Präsidenten das Ergebnis offiziell mitteilt, hat durchaus pragmatische Gründe. Einer muss es ja machen. Dann doch am besten gleich derjenige, der laut Protokoll nach dem Bundespräsidenten der Ranghöchste im Lande ist. Man darf aber auch nicht vergessen, dass zu der Zeit, in der das Gesetz geschaffen wurde, gar nicht die Möglichkeit bestand, die Information augenblicklich frei zu geben. Zumindest nur unter deutlich schwierigeren Bedingungen. Jetzt haben wir die Situation, dass jeder zu jeder Zeit an (fast) jedem Ort beliebige Informationen augenblicklich verbreiten kann. Dinge der politischen Sphäre, parlamentarische Debatte, Abstimmungen über Gesetze und erst recht die Wahl der Repräsentanten des Volkes gehen uns alle an. Sie existieren nicht unabhängig vom Volk, sie sind nur durch das Volk. Die Essenz dessen kondensiert in Art. 20 (2) GG: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Wir, dieses ominöse Volk also, haben das unbestreitbare Recht, jede relevante Information aus dieser Sphäre unverzüglich zu erhalten. Komme mir jetzt bloß keiner mit Na, die 15 Minuten kann man doch auch warten. Warum denn? Wenn eine Information existiert – insbesondere eine, die ohnehin veröffentlicht werden soll – gibt es keinen Grund, nicht sofort auf sie zuzugreifen. Nur aus Rücksicht auf die veraltet traditionellen Vorstellungen von ein paar älteren Herren (und Damen)? Es nimmt doch niemand Herrn Lammert die schöne Zeremonie weg. Jeder, der einmal bei einer kirchlichen Trauung dabei war, weiß, dass es auch so geht. Alle wissen schon vorher, dass die beiden da vorn jetzt Mann und Frau sind. Trotzdem gibt es Kirche, Pfarrer, schöne Kleider und noch einmal die Antworten auf die Frage aller Fragen. Die Zeremonie und die Information sind entkoppelt. Und das ist gut.

Seien wir also dankbar, dass diese angeblich peinlichen und eigenartigen Vorgänge nicht gesetzlich verboten sind. Ich wünsche mir sehr herzlich, dass sich zumindest eines der 1244 Mitglieder der Bundesversammlung über diese unmotivierten Restriktionen hinweg setzt und sich auch nicht von Herrn Koeppen einschüchtern lässt. Nicht, weil mir die Information an sich so viel bedeuten würde. Es geht hier um ein Umdenken in der Kultur des Umgangs mit öffentlichen Informationen im Allgemeinen.

Übrigens ginge das auch anonym, wenn man etwa hin und her gerissen ist zwischen dem Willen zur Informationsverbreitung und der Furcht vor politisch-beruflichen Konsequenzen. Ein neuer Twitter-Account ist schnell angelegt, am besten mit Wegwerf-Emailadresse, eine fremde und unbeteiligte SIM-Karte ist schnell besorgt. Wobei Rückverfolgung per IP bei mobilem Internet eh nicht so richtig geht. Ich würde mich im Zweifel glatt zur Beihilfe anbieten.

Bildquelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F001946-0009 / Brodde / CC-BY-SA

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