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Schlagworte: trauer

Erinnerung an das Oma-Gefühl

Gestern ist meine Oma gestorben. Ich habe sie sehr geliebt und ich weiß gar nicht, wie ich meine Gefühle und Erinnerungen sortieren soll.

Meine Großeltern haben nur eine Straße weiter gewohnt, als wir klein waren. Das war nah, aber nicht ganz so nah wie meine anderen Großeltern, die im selben Haus wie wir wohnten. Obwohl besonders meine Oma immer sehr herzlich war und einen drückte und mit Süßigkeiten und Liebe bewarf, bis einem ganz schummrig wurde, gab es immer eine seltsame Art von Distanz zu ihnen. Ihr Leben war wie ihr Reihenhaus bis ins Detail geordnet. Alles hatte seinen Platz und wurde nie bewegt, außer nach ganz bestimmten Regeln zu ganz bestimmten Zeiten. Alles war Tradition und Ordnung und immer auch Erzgebirge und durfte sich nicht verändern. Das begann am Jägerzaun zur Straße und verlieh allem, was für mich mit Oma und Opa zu tun hatte, einen Hauch von Unantastbarkeit. Man hatte immer ein klein bisschen Angst, das falsche zu tun oder zu berühren. Daneben das unendlich warme Gefühl des Willkommens, des Umsorgens, das Oma-Gefühl irgendwie. Es war verwirrend, manchmal.

In den letzten Jahren, in denen meine Großeltern beide sichtlich älter wurden, änderten sich doch ein paar Dinge. Es dauerte lange, bis sie sich überzeugen ließen – für meinen Vater oft zermürbend lange –, dass im Alter Einiges nicht mehr so gut geht und dass es aber Abhilfe gibt. Manchmal technische, wie elektrische Garagentoröffner, manchmal menschliche in Form von Unterstützung bei zu anstrengenden Hausarbeiten. Beide, meine Oma und mein Opa, sind leiser geworden. Ebenso wie sonst alles seine Ordnung hatte, in die man sich fügen musste, denke ich, dass sie schließlich auch begonnen haben, sich ins Alter zu fügen. So laufen die Dinge eben. Ich hatte außerdem das Gefühl, dass sich die Wichtigkeit der Dinge ganz leicht verschob; weg von so-war-es-schon-immer-und-so-bleibt-es-auch hin zu Familie und Gemeinsamkeit. Nur ganz leicht, denn natürlich war beides schon vorher wichtig und blieb es auch.

Vor etwa zwei Monaten wurde bei meiner Oma Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert. Sie wurde soweit behandelt, dass sie wieder sehr viel besser Luft bekam und etwas an Substanz zugelegt hatte, bekam Tabletten vom Onkologen verschrieben, die vielleicht herauszögernd wirken könnten, und wurde nach einiger Zeit zum Glück wieder nach Hause geschickt. Ich habe Sie im Krankenhaus besucht und auch vor anderthalb Wochen, wegen ihrem Geburtstag, waren wir bei ihnen zuhause. Sie war ein bisschen matt, aber einigermaßen guter Dinge, hatte alles genau aufgeschrieben, was die Ärzte gesagt haben, wusste, wie die Tabletten wirken sollten und tischte ordnungsgemäß Stollen (aus dem Erzgebirge geschickt, klar) und Süßigkeiten auf, mehr als man essen konnte. Wir kommen dann nach den Feiertagen vorbei, hatten wir gesagt.

Vorgestern wurde sie abends ins Krankenhaus eingeliefert, weil sie urplötzlich und schnell über den Tag abgebaut hatte und immer apathischer wurde. Kaum oder gar nicht mehr sprach, nur noch vage mit Kopfnicken auf Ansprechen reagierte. Gut zwölf Stunden später, am Morgen des 21. Dezembers starb sie mit 81 Jahren friedlich und anscheinend ohne Schmerzen oder Aufregung.

Ich freue mich sehr, dass sie unsere Hochzeit im Sommer noch erleben konnte; es gibt schöne Fotos und Erinnerungen davon. Es gibt tausend Dinge von ihr, an die ich mich mein Leben lang erinnern werde; auch wenn ich weiß, dass ich eines Tages aufwache und nicht mehr sicher bin, wie ihre Stimme klang.

In diesem Jahr sind wunderschöne Dinge passiert. Jetzt, wo es zu Ende geht, geht mit ihm auch Anderes zu Ende. Meine liebe Oma Elke, der Astrologisches und Astronomisches immer sehr wichtig war, starb zur Wintersonnenwende, dem dunkelsten Tag im Jahr. Ich baue mal darauf, dass es irgendwann wieder heller wird. Wenn auch ohne sie.
Mach’s gut, Oma.