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Schlagworte: nerd

Seid nerdig

Meine frischgebackene Frau sagt über mich, dass ich dazu tendiere, alle Themen, mit denen ich in Kontakt komme und interessant genug finde, um über sie nachzudenken, so vollständig wie möglich zu erfassen; all ihre Aspekte aufzusaugen; jeden Fakt und die gängigsten Meinungen zu verinnerlichen. Sie hat Recht. Ganz egal, wie banal ein Thema zu sein scheint oder allgemein als unwichtig abgetan wird, es kann einem eine ganze Welt offenbaren. Das Leben, das mich umgibt, wird so zu einem Fraktal, dessen Detailreichtum und Schönheit immer weiter zunimmt, je genauer man hinsieht.

Obwohl ich keine Ahnung habe, was für Farben man bei seiner Kleidung kombinieren kann (weil ich nunmal fast nur schwarz trage), weiß ich so ungefähr alles über Arten von Anzügen, Hemden, Kragen- und Reversformen, Krawatten, Herren-Abendgarderobe und Herrenschuhe, von Einreiher, Stresemann und Haifischkragen über steigende und fallende Revers, Windsor- und Four-in-Hand-Knoten bis hin zu Budapestern und Plain Oxfords. Ich kann Trauermücken von Buckelfliegen und Obstfliegen unterscheiden und kenne den Unterschied zwischen holometabolen und hemimetabolen Insekten. Ich komme auf der Suche nach der perfekten und stilvollsten Nassrasur gerade zu Rasierhobeln von Merkur und dem ideal angerührten Schaum aus Rasiercréme. Ich habe tagelang gelesen, um die ausgereifteste Technik und das am besten geeignete Zubehör für die Kaffeezubereitung herauszufinden. Ich weiß, wie Atomreaktoren aufgebaut sind und warum die Natriumkühlung bei Brutreaktoren ein Problem ist. Es fällt mir manchmal schwer, (natur-)wissenschaftliche Fragestellungen pragmatisch anzugehen, weil ich dazu neige, mich immer tiefer ins Detail zu verstricken; immer noch eine Ursache dahinter zu erfragen. Der Beginn meiner vegetarischen und manchmal veganen Ernährung hat mir ein unglaubliches Feld eröffnet, in dem ich mich mit Ernährungsphysiologie beschäftigen kann und spannende neue Rezepte und Zutaten entdecke und ausprobiere. Es ist wie eine Wette gegen die Gewohnheit, einen perfekten Käsekuchen backen zu wollen, aber ohne tierische Produkte zu verwenden. Das muss gehen. Mind over matter. Ich trinke kein Red Bull, um mich wachzuhalten, sondern lerne, auf traditionelle argentinische Weise Mate-Tee zu machen und beginne, die schmackhafteste Sorte zu suchen. Ich weiß, dass Warp 9 der 1516-fachen Lichtgeschwindigkeit entspricht. Ich beschäftige mich auch außerhalb meines (jetzt abgeschlossenen) Studiums mit Sprachgeschichte und Grammatik. Ich lasse mir einen thailändischen Sprachleitfaden schenken, weil ich es spannend finde, wie eine Tonsprache funktioniert. Mein Motorrad warte ich selbst.

Das ist für mich Nerdtum. Ich bin ein Nerd, aber das ist nicht (nur) der allgemein bekannte „Computer-Nerd“. Es ist eine Grundhaltung, Nerd zu sein. Man will einerseits die Dinge verstehen, mit denen man zu tun hat. Man will andererseits auch erst einmal erkennen, was für Dinge es da eigentlich gibt. Auf diese Art Nerd zu sein beinhaltet auch ein gewisses Maß an Ego und Überheblichkeit. Der Nerd hat das Bewusstsein, bei „seinen“ Themen wissenstechnisch deutlich über dem Durchschnitt zu stehen. Teilweise erhebt er sich schon dadurch über den Durchschnitt, dass er nur weiß, dass etwas überhaupt ein Thema ist, dass es existiert als nachdenkenswertes Sujet.

Die sozialen Implikationen des Nerdseins sind vielfältig. Einher mit dem Erheben über die Anderen geht eine gewisse Selbstisolation. Ob Menschen, die zur Zurückgezogenheit oder gar zur Soziophobie neigen, grundsätzlich eher zu Nerds werden, oder ob sich Nerds eher auf sich selbst zurückziehen als Andere sei dahingestellt. Doch mit Wissen kann man auch beeindrucken. „Das ist ja spannend!“ und „Was du wieder weißt!“ sind Ausdrücke von Anerkennung. Anerkennung, die dem Nerd entweder egal ist, die er nicht einmal erkennt oder aber derer er sich bewusst ist. So schillert der Nerd sowohl in seiner Selbstwahrnehmung, als auch in der Wahrnehmung der Anderen.

Am besten ist es jedoch, wenn er das Glück hat, unter seinesgleichen zu sein. Die Themen, mit denen sich jeder von ihnen beschäftigt oder mal beschäftigt hat, müssen nicht mal die gleichen sein. Die Art zu denken und sich über die Welt zu wundern und sich daran zu freuen, womit man sich allem beschäftigen kann, ist identisch, und deshalb kann man sich auch auf einer Ebene unterhalten. Im Idealfall, vielleicht bei diesem Setting sogar im Regelfall, ergeben sich so für alle Beteiligten auch noch neue interessante Gebiete, mit denen man sich bei Gelegenheit oder auch sofort beschäftigen kann. Meine Frau und ich waren beide so klug, einen Nerd zu heiraten.

Die Welt ist schöner, wenn man ein Nerd ist. Sie macht mehr Spaß und sie offenbart dem Einzelnen einen Sinn. Seid nerdig.

Bildnachweis: Big Mandelbrot set, Urheber: Medvedev, Lizenz: CC-BY-SA

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