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Schlagworte: mitleid

Toleranz am Arsch

Nehmen wir an, ich habe eine Ansicht zu einer bestimmten Sache und du hast eine andere. Da wir befreundet sind, macht das gar nix, wir akzeptieren, dass jeder das Recht auf seine Meinung hat – obwohl ich gern hätte, dass du meiner Meinung wärst, weil ich sie für das logische Resultat unbestreitbarer Fakten halte, und du mich für ein bisschen verrückt und weltfremd hältst. Das geht erstaunlich lange gut. Bis, ja bis wir anfangen uns darüber zu unterhalten, weil der eine etwas tut oder sagt, was dem anderen zu sehr gegen den Strich geht oder ihn plötzlich auch ein bisschen betrifft. Die beiden Meinungen können nicht mehr wie bisher schön nebeneinander laufen, sie kreuzen sich und werden miteinander konfrontiert.

Ich bin auch ein bisschen arrogant. Ich bin der Ansicht, dass meine Meinung die objektiv bessere ist, weil ich sie wie gesagt auf Fakten stützen kann und auf Moral, und du kannst deine nur mit persönlichen Vorlieben und Eigeninteresse begründen. Ich finde also, wenn du, oder irgendjemand anders, der zumindest einen ähnlichen kulturellen Hintergrund hat und ähnlich wenig um sein Überleben kämpfen muss wie ich, rational nachdenken würdest, alle vorhandenen, logisch richtigen Argumente abwägen würdest, müsstest du notwendigerweise zu der gleichen Meinung gelangen wie ich.

Diese Meinung zu haben, also die, die ich habe, bringt es mit sich, dass man gelerntes und gewöhntes Verhalten im Alltag ändern muss, um ihr gerecht zu werden. Das ist schwierig und es läuft darauf hinaus, dass man dem Kopf und der Logik und dem Willen einige der sinnlichen „gefühlten“ oder instinktiven Bedürfnisse unterordnen muss.

Ich verstehe allerdings sehr gut, wenn sich jemand zu schwach dafür fühlt, das ging mir nämlich lange genug selbst so. Wenn du zwar gedanklich zu der betreffenden Ansicht gelangst, aber deine Vernunft letztlich doch vor der Gewöhnung kapitulieren muss, dann ist das zwar sehr schade und Eingeständnis kolossaler Schwäche, aber du hast es immerhin verstanden. Du verstehst (und bewunderst vielleicht sogar ein bisschen) diejenigen, die stark genug sind; du zwingst sie nicht zu Rechtfertigungen ihres korrekten Verhaltens; womöglich machst du sogar kleine Schritte in die richtige Richtung, was immerhin ein größerer Beitrag ist, als gar keiner. Und wer weiß, vielleicht schaffst du es ja irgendwann doch.

Ich unterhalte mich auch eigentlich ganz gerne mit Interessierten über meine Meinung, erkläre gerne, wie ich dazu gekommen bin, teile gerne Wissen mit über Dinge, von denen der andere vielleicht noch gar nichts weiß, höre mir gerne an, was er Spannendes zu dem Thema zu erzählen hat. Ich dränge mich allerdings auch niemandem damit auf.

Wovon ich aber zunehmend die Schnauze voll habe, ist, dass ich von jemand anderem, der nicht meiner Meinung ist, darauf angesprochen werde, und mir dann anhören muss, wie bekloppt ich bin, welche Schwierigkeiten ich mit meinem Verhalten meinen Mitmenschen angeblich bereite und zu guter Letzt, wie intolerant ich bin. Und jedes einzelne dieser Gespräche läuft darauf hinaus, dass ich damit konfrontiert werde, dass mein Gegenüber nicht versteht und anscheinend auch nicht verstehen will, dass er/sie und ich auf zwei fundamental unterschiedlichen Ebenen diskutieren. Er redet von Vorlieben und Geschmack (die an sich ja biegsam sind und zur Disposition stehen können) und ich rede von Ethik und Mitleid.

Eure Toleranzforderungen könnt ihr euch für den ökumenischen Gottesdienst aufheben. Hier geht es um Werte, die ich für absolut halte und ich werde mich nicht mehr rechtfertigen. Ihr solltet das.

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Ungezähmt

Ich habe das Youtube-Video von Saddam Husseins Hinrichtung gesehen. Die Gründe kann ich nicht vollständig angeben, aber dabei spielte zumindest auch eine Rolle, dass ich mich des Grauens, des menschlichen Unrechts versichern wollte, das in der Folge (und im Verlauf) des verbrecherischen Kriegs der USA (vornehmlich) gegen den Irak begangen wurde, es in Erinnerung rufen. Ich verspürte keine Genugtuung dabei, keine Befriedigung darüber, dass ein Völkermörder nun selbst sein Leben lassen musste. Nur Ekel. Ekel vor dem berüchtigten lupus homini, der so wenig gezähmt ist wie vor 1000 Jahren. Er ist oft versteckt, hinter Anzügen, schwelgenden öffentlichen Reden oder auch nur den Wohnungstüren. Es ist von der Warte aus, die die meisten von uns hier in der sogenannten zivilisierten Welt einnehmen, oft unvorstellbar, was Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage sind. Aber es wäre verlogen und heuchlerisch, ernsthaft zu behaupten, wir – als Menschen – wären darüber hinweg; gelegentliche Morde, private oder staatliche Folterungen, Misshandlungen seien nur schreckliche Ausnahmen. Das Betrachten von Bildern und Videos aus teils ach so fernen Ländern kann dabei helfen, sich mit der unmenschlichen menschlichen Art auseinander zu setzen.

Die Videos von dem, was Muammar al-Gaddafi gestern geschehen ist, habe ich nicht gesehen und ich werde das auch vermeiden. Die BILD-Zeitung hat natürlich ihr Möglichstes getan, um diesen Vorsatz zunichte zu machen, und so kenne ich jetzt zumindest ein Foto seines blutüberströmten, toten Gesichts. Christian Stöcker schreibt heute bei Spiegel Online darüber, wie die technischen Möglichkeiten des Netzes nicht nur ermöglichen, solcherart Zeugnisse von der „archaische[n] Tradition des Diktatorenlynchens“ im „wilden Teil der Welt“ für das „(wohlige?) Schaudern“ der hochtechnisierten, modernen Weltbevölkerung verfügbar zu machen. Sie haben angeblich auch dazu geführt, dass diese Zeugnisse von der Weltöffentlichkeit eingefordert werden (wie beim Tod von Osama Bin Laden).

Viele sehen sich solche Videos oder Fotos sicherlich mit dem Gefühl der Befriedigung an, derjenige habe nun bekommen, was er verdient, und ergötzen sich am Anblick. Vielleicht trifft das sogar auf die Mehrheit der Zuschauer zu, ich weiß es nicht. Ich halte es trotzdem für gut, dass diese Möglichkeit besteht, dass es die Bilder und Videos gibt, dass sich jeder durch Technologie selbst ein Bild machen kann, so grauenhaft es sein mag. Wir werden gerade in unserer heimischen Welt systematisch der Realität entfremdet. Sei es durch fein säuberlich verpacktes Fleisch im Supermarkt, das keine Rückschlüsse mehr auf seine Herkunft und Entstehung zulassen will, sei es durch sprachliche Abstrahierung und Technisierung militärischer Vorgänge („Target destroyed!“). Ich glaube fest daran, dass dagegen nur ein Mittel hilft: die rücksichtslose Zurschaustellung der Realität, je archaischer, je unmenschlicher, je grauenhafter, desto besser. Denn nur so kann uns etwas gelingen, das nötiger wird als je seit dem zweiten Weltkrieg: Mitleid zu erlernen und unser Handeln und das unserer Vertreter darauf aufzubauen.

Dazu gehört auch, sich bewusst zu machen, dass es im Kriegszustand (den auch Stöcker für die (Mit-)Ursache für den Mord und die Leichenschändung Gaddafis sieht) keine moralische Bewertung mehr geben kann. Ich habe es schon einmal ausgeführt: in dem Moment, in dem sich jemand in den Krieg begibt, hat er zwangsläufig jede moralische Überlegung hinter sich gelassen, denn durch nichts lässt sich moralisch tiefer sinken, als die willentliche Entscheidung, andere Menschen systematisch zu töten und zu verletzen. Es gibt keinen guten Krieg. Es gibt keine humane Weise, Krieg zu führen. Es im Krieg keine Regeln, auf die man sich berufen kann, denn der Krieg ist der Zustand menschlicher Regellosigkeit und moralischer Regungslosigkeit. Im Krieg ist der Wolf losgelassen und der Mensch sinkt aus den Jahrtausenden (vielleicht nur Jahrhunderten oder gar Jahrzehnten) der gewaltsamen Selbstzähmung herab auf die Stufe seiner un-vernünftigen, von niederen Instinkten gesteuerten Vorfahren.

Den libyschen Rebellen, die anscheinend oder zumindest möglicherweise den verletzten ehemaligen Machthaber verhöhnt, ihn endgültig zu Tode geprügelt und schließlich seine Leiche „geschändet“ haben, haben damit Unmenschliches getan. Doch sie trugen, indem sie ihre Taten filmten und stolz verbreiteten, dazu bei, dass andere und womöglich irgendwann auch sie selbst das Unmenschliche im Menschen sehen können, sich selbst hinterfragen und ihr Handeln wo nötig ändern können.

Der Mensch ist gefährlich wie nichts anderes in dieser Welt, aber immerhin hat er die Möglichkeit, sich unter Kontrolle zu bringen. Wenn er Mitleid lernt.

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