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Schlagworte: menschenrechte

Hab keine Angst

Angst dient dem Individuum dazu, spezifisch bedrohliche Situationen, auch vermeintlich bedrohliche, zu erkennen und ihnen zu entgehen. Die erste Reaktion auf Angst ist der Fluchtreflex, weil das die einfachste Lösung in den meisten bedrohlichen Situationen ist. Dabei wird rationales Denken, das langwierig ist, weitestgehend abgeschaltet bzw. untergeordnet, damit man keine wertvolle Zeit verschwendet, die im Extremfall das Leben kosten könnte. Falls Flucht nicht möglich ist, schlägt der Reflex in Aggression um. Es wird versucht, die Quelle der Angst oder besser: das Objekt der Furcht unschädlich zu machen, wenn man ihm schon nicht entgehen kann. Auch das ist für ein Individuum evolutionär sinnvoll, um die Chance des Überlebens zu erhöhen.

Angst war es, die dir den ATEM nahm

Eine weitere Eigenheit der Menschen ist, dass sie Risiken in ihrer Umgebung relativ oft falsch einschätzen. So werden Dinge, die unbekannt, selten und/oder spektakulär in ihren Auswirkungen sind, gefährlicher eingeschätzt, als sie es objektiv betrachtet sind. Andere, denen wir eventuell tagtäglich ausgesetzt sind, denen wir uns möglicherweise sogar freiwillig aussetzen, werden im Vergleich zu der von ihnen tatsächlich ausgehenden Gefahr eher als harmloser bewertet.

All das ist sinnvolles Verhalten, wenn man einzelne Individuen in ihrem alltäglichen Leben betrachtet. Politische Entscheidungen aber dürfen niemals von Angst geleitet sein. Vor allem sollte zu den Aufgaben von Berufspolitikern gehören, dass sie der Bevölkerung deren meist irrationale Ängste nehmen, beruhigend wirken. Doch das Gegenteil ist seit Jahren der Fall. Ununterbrochen wird uns erzählt, welche Gefahren angeblich von abstrakten Terroristen drohen. Jederzeit könnte ein Bahnhof, ein Flughafen oder sogar der Reichstag in die Luft gesprengt werden. In seit Jahren immer wiederkehrenden, teils unregelmäßigen Zyklen wird die Gefahr scheinbar konkreter, trotzdem ist nach der RAF noch nie ein terroristischer Anschlag in Deutschland verübt worden. Das heißt natürlich nicht, dass man das deswegen ausschließen könnte, aber das ist ja gerade der Punkt beim Terror: man kann ihn nicht verhindern. Nie. Es gibt polizeiliche Maßnahmen, auch und insbesondere der Überwachung, die sogar in tadellosen Rechtsstaaten bei konkretem Verdacht gegen bestimmte Personen durchgeführt werden können. Mehr kann man aber nicht tun. Jede einzelne Maßnahme, jedes Gesetz, (ebenfalls jeder Auslandseinsatz von deutschen Soldaten,) die der Erhöhung der inneren Sicherheit dienen sollten, sind sinnlos und treffen und trafen höchstens unbescholtene Bürger, die sich mittlerweile einem Generalverdacht ausgesetzt sehen. Keine dieser Maßnahmen würde verhindern, dass irgendwo in diesem Land z.B. ein Sprengstoffattentat verübt wird.

Meine Mutter erzählte mir neulich, dass sie bei den Anschlägen am 11. September 2001, die sie in den Nachrichten verfolgte, von Angst ergriffen begann Fluchtpläne zu schmieden, mit der Familie schnellstmöglich auf’s Land zu flüchten, wo die Gefahr geringer wäre. In der Folge mochte sie auch den Krieg in Afghanistan nicht ablehnen. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie wenig das zu ihrer sonstigen politischen Haltung passt. Trotz oder auch wegen unzureichender Informationen über die Hintergründe befürwortete sie die deutsche Beteiligung an einem Kriegseinsatz (Aufbauhilfe und so, bla bla, ich weiß, spielt aber keine Rolle). Sie beschrieb, wie dieser Anschlag die Erinnerung an die Zeit in Deutschland wachrief, in der die RAF ständig latente oder manifeste Gefahr bedeutete.

Zum ersten Mal seit neun Jahren, zum ersten Mal seit Beginn der Panikmache und des Umbaus der Konzepte zur inneren Sicherheit kam mir durch diese Erzählung der Gedanke in den Sinn, dass wir von Menschen regiert werden, die allesamt den Terror der RAF bewusst miterlebt haben. Es war gerade einmal knapp dreieinhalb Jahre her, dass das Schreiben, in dem die RAF ihre Auflösung bekannt gab, veröffentlicht wurde. Das muss eine unglaubliche Erleichterung gewesen sein, vielleicht auch nur unbewusst. Die Angst, von der ein Großteil der Bevölkerung mit Erinnerung an den deutschen Terror im Herbst 2001 ergriffen wurde, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Und dann kam jemand daher und behauptete, die Terroristen sitzen in Afghanistan, da müssen wir sie nur rausholen! Gott sei Dank gibt es ein Ziel!

Aber der Terror hat keine Quelle, die man im Raum verorten kann. Das ist eine seiner grundlegenden Eigenschaften. Die Gefahr, die von möglichen terroristischen Anschlägen in Deutschland ausgeht, ist verschwindend gering, aber auch nicht verringerbar. Die Wikipedia sagt über den Terror im ersten Absatz:

Der Terror (lat. terror Schrecken) ist die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen.

Das ist das Wesen des Terrors und er hatte in diesem Land Erfolg. Durchschlagenden, nicht wegzuredenden und wahrlich erschreckenden Erfolg. Wir werden von Angst und durch Schrecken regiert. Einige unserer ehemals felsenfesten Werte, auf die diese Demokratie aufgebaut wurde, sind mittlerweile verwässert oder stehen ständig zur Disposition. Wo sind denn die Stimmen der Vernunft in Form von Politikern, die nicht instinktgesteuert Flucht oder Angriff wählen? Die beruhigend und sachlich dem Kern ihrer Arbeit nachgehen. Die der Bevölkerung ein Beispiel bieten, wie wir auf unsere freiheitlichen Werte vertrauend echten Bedrohungen gelassen und kraftvoll die Stirn bieten können. Doch das einzige, was auf weiter Flur zu sehen ist, sind haufenweise aufgescheuchte Hühner, die durch ihre eigene Panik weit mehr Chaos und Schaden verursachen, als es die nüchterne Realität gebietet.

Hab keine Angst, Deutschland.

Bildquelle: Che-Si. Lizenz: CC-BY-SA

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Krieg ist nicht relativierbar

Frank Rieger hat einen Artikel in der FAZ zu der rationalistischen und geschäftsmäßig optimierten Art heute Krieg zu führen geschrieben. Kriegsstrategien würden aufgrund von Parametern, die es eventuell zu manipulieren gilt, in kühler Art und Weise mathematisch optimiert. Der Gedanke, der womöglich hinter solchen Betroffenheitsäußerungen steht, ist, dass Kriege eigentlich von keinem der Beteiligten gewollt sind, weil man sich ja bewusst ist, wie unmenschlich sie sind und wieviel Elend sie mit sich bringen, daher ist man der Ansicht (oder trägt zumindest den Wunsch), dass die kriegführenden Parteien in irgendeiner Art menschliches Interesse in den Vordergrund stellen. Wenn sie schon aus bestimmten Gründen glauben, dass der Krieg nunmal unausweichlich ist, dann doch wenigstens mit Blick auf die Betroffenen und nicht auf so profane Art auf Abstrakta wie objektiv möglichst zielführende Strategien, mathematische Modelle und derlgeichen.

Das ist eine grundfalsche Annahme. Wer sich auf Kriegshandlungen einlässt, der tut dies nur mit einem Ziel: Sieger zu sein. Anders ist kein Krieg zu führen. Niemand würde hingehen und sagen „Gut, ich fange mal mit meinem Nachbarn (oder mit einem Volk auf der anderen Seite der Erde) Krieg an, aber nicht um jeden Preis. Wenn ich zu viele Menschen töten muss, oder wenn das, was ich tun muss, zu unmenschlich wird, lasse ich den Anderen gewinnen.“ Merkt es endlich: Krieg ist immer, zu jeder Zeit, an jeden Ort, mit egal welchen Mitteln grundsätzlich unmenschlich. Über die Tatsache hinaus, dass ich beschließe, um mein Ziel zu erreichen, jemanden zu töten, gibt es keine Möglichkeit der Kategorisierung. In dem Moment, wo ich diese Grenze überschreite, haben moralische Abstufungen keine Grundlage mehr. Es gibt nichts Widerwärtigeres, nichts Amoralischeres mehr als das.

Das Absurde ist, dass dies in jedem Krieg alle Beteiligten wissen. Diejenigen, die sich dann über so etwas wie „kalte Rationalität“ oder „Massaker“ oder „Kriegsverbrechen“ echauffieren, sind Unbeteiligte. Bürger. Politiker aus nicht beteiligten Staaten. In manchen Fällen sogar Politiker aus beteiligten Staaten. Aber der Soldat, den hören wir nicht. Denn er weiß, dass er alle Moral hinter sich gelassen hat, als er in den Krieg eingetreten ist.

Ein kleiner Einschub an dieser Stelle. Natürlich gilt dies nicht für alle Soldaten. Aber man muss sich auch mal ansehen, was für welche das sind. Sind es Taliban-Kämpfer? Sind es Special Forces, die allein auf sich gestellt an vorderster Front mehr oder weniger Mann gegen Mann kämpfen? Nein, es ist höchstens Führungspersonal, das so gut geschützt und damit unbeteiligt in der Kommandozentrale sitzt, dass es Zeit hat für solche Gedanken. Es sind womöglich auch Bomberpiloten oder noch schlimmer Soldaten, die Waffen per Fernsteuerung von der Heimatfront aus bedienen. Allen diesen Soldaten ist eines gemeinsam: sie sind nicht beteiligt genug. Wer zum Beispiel in Vietnam im Dschungel gesessen hat mit seinen Kameraden, genau wissend, dass es keinen Mittelweg gibt, dass nur der andere stirbt oder man selbst, würde nicht anfangen, „unmenschliche“ Arten der Kriegsführung zu beklagen. Das können nur die, die nicht erleben, was Krieg eigentlich ist.

Es ist meine moralische Überzeugung, dass Krieg ein Zustand ist, der nicht relativiert werden kann. Es gibt eine Grenze im zwischenmenschlichen Verhalten, die Zivilisation von Krieg scheidet und wenn diese Grenze überschritten ist, spielt es keine Rolle mehr, was dahinter geschieht. Denn nichts kann es grauenvoller machen. Weder kühle Logik noch ungehemmte Brutalität. Krieg ist notwendigerweise durch die Abwesenheit von dem Gedanken gekennzeichnet, dass Menschen und ihr Leben etwas Wert seien.

Das führt, zuende gedacht, dazu, dass jede kriegführende Partei alle Mittel nutzt, die ihr zur Verfügung stehen oder von denen sie das glaubt, um ihr Ziel zu erreichen. Dass die US-Army beispielsweise keine Atombomben über Afghanistan abwirft hat viele verschiedene Gründe, einen jedoch nicht: dass man so etwas nicht macht, weil es zu unmenschlich ist. Wenn die USA diese Position verträten, hätten sie zumindest den Verzicht auf den Ersteinsatz von Kernwaffen erklärt (die einzigen Atommächte, die das bereits getan haben sind übrigens Indien und China). Nein, im Rahmen der Berücksichtigung aller Folgen militärischen Handelns ist es für die USA schlicht keine Option, das zu tun.

Heute befinden sich die entwickelteren Staaten in der Zwickmühle, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Teil der Gesellschaft der dem zivilisatorischen Glauben oder der Hoffnung anhängt, dass man sich über den rohen Kampf Aller gegen Alle erhoben habe, und demjenigen, der Interessen hat, die sich einzig und allein mit kriegerischen Mitteln verfolgen lassen. Wir haben (zum Glück) nicht mehr die Situation, dass jeder in der Gesellschaft potentiell auch Krieger ist und daher die Moral als eher unwichtig ansieht. Das Problem ist nur, dass der nichtkriegerische Teil der Bevölkerung (und dazu gehören auch höchste Politiker) nicht begreift, dass es innerhalb der Sphäre des Krieges keine moralischen Abstufungsmöglichkeiten gibt. Er glaubt, man könne Kriegshandlungen in richtig schlimme und weniger schlimme einteilen. Das geht nicht.

Wer sich in einen Krieg begibt und nicht alle ihm zu Verfügung stehenden Mittel nutzt um den Sieg (und womöglich sein Leben) davonzutragen ist nicht nur amoralisch sondern auch dumm und weltfremd. Denn „der Andere“ wird das möglicherweise tun. Menschenrechtserklärung hin oder Haager Landkriegsordnung her. Das Übertreten einer Schwelle, die die Achtung vor den Menschen vom Krieg trennt, das niemandem leicht fallen sollte, hat notwendigerweise den Preis, dass man sich auf Moral nicht mehr zurückziehen kann.

Also welchen Sinn hat es, auf Teilaspekte des Krieges hinzuweisen, die verwerflich sind? Oder schockierend? Wen Krieg an sich nicht schockiert, der hat ein ernsthaftes Werteproblem.

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