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Schlagworte: gesellschaft

Assoziation zu Kafka

Schon seit langer Zeit, vielleicht schon seit Beginn ihrer Künstlerlaufbahn, kämpft Josefine darum, daß sie mit Rücksicht auf ihren Gesang von jeder Arbeit befreit werde; man solle ihr also die Sorge um das tägliche Brot und alles, was sonst mit unserem Existenzkampf verbunden ist, abnehmen und es – wahrscheinlich – auf das Volk als Ganzes überwälzen. Ein schnell Begeisterter – es fanden sich auch solche – könnte schon allein aus der Sonderbarkeit dieser Forderung, aus der Geistesverfassung, die eine solche Forderung auszudenken imstande ist, auf deren innere Berechtigung schließen. Unser Volk zieht aber andere Schlüsse, und lehnt ruhig die Forderung ab.

Aus: Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse

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Nachtlektüre

Bin gerade beim Schockwellenreiter auf den Kommenden Aufstand gestoßen und habe spätestens nach der folgenden Passage und lautem Auflachen beschlossen, mir das mal zu geben.

Die Rundreise durch das trostlose Existieren der Metropole ist Auklärung nicht im mythischen, sondern im militärischen Sinne: die Klärung eines gemeinsamen Ausgangspunktes, der operativen Bedingungen einer Real-Exit-Strategie aus der globalen Misere, und nicht zuletzt der praktischen Hebel, die uns in diesem Kampf zur Verfügung stehen.

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Wir haben keine Angst!

Gefährlicher als es ein Terroranschlag für unseren Staat jemals sein könnte, sind überaktive Politiker. Sie wollen im Windschatten einer vermeintlichen oder realen Terrorbedrohung unsere Freiheitsrechte beschneiden, Überwachungsstrukturen schaffen und ganze Bevölkerungsgruppen unter Pauschalverdacht stellen. Geben wir der Angst nach, haben die Terroristen gesiegt. Das gönnen wir ihnen nicht! Daher rufen wir allen politischen Entscheidungsträgern zu: Wir haben keine Angst!

Da hab ich auch mal ein Stück aus dem letzten Blogtext beigetragen.

Gefunden hab ich das Ganze hier.

Hab keine Angst

Angst dient dem Individuum dazu, spezifisch bedrohliche Situationen, auch vermeintlich bedrohliche, zu erkennen und ihnen zu entgehen. Die erste Reaktion auf Angst ist der Fluchtreflex, weil das die einfachste Lösung in den meisten bedrohlichen Situationen ist. Dabei wird rationales Denken, das langwierig ist, weitestgehend abgeschaltet bzw. untergeordnet, damit man keine wertvolle Zeit verschwendet, die im Extremfall das Leben kosten könnte. Falls Flucht nicht möglich ist, schlägt der Reflex in Aggression um. Es wird versucht, die Quelle der Angst oder besser: das Objekt der Furcht unschädlich zu machen, wenn man ihm schon nicht entgehen kann. Auch das ist für ein Individuum evolutionär sinnvoll, um die Chance des Überlebens zu erhöhen.

Angst war es, die dir den ATEM nahm

Eine weitere Eigenheit der Menschen ist, dass sie Risiken in ihrer Umgebung relativ oft falsch einschätzen. So werden Dinge, die unbekannt, selten und/oder spektakulär in ihren Auswirkungen sind, gefährlicher eingeschätzt, als sie es objektiv betrachtet sind. Andere, denen wir eventuell tagtäglich ausgesetzt sind, denen wir uns möglicherweise sogar freiwillig aussetzen, werden im Vergleich zu der von ihnen tatsächlich ausgehenden Gefahr eher als harmloser bewertet.

All das ist sinnvolles Verhalten, wenn man einzelne Individuen in ihrem alltäglichen Leben betrachtet. Politische Entscheidungen aber dürfen niemals von Angst geleitet sein. Vor allem sollte zu den Aufgaben von Berufspolitikern gehören, dass sie der Bevölkerung deren meist irrationale Ängste nehmen, beruhigend wirken. Doch das Gegenteil ist seit Jahren der Fall. Ununterbrochen wird uns erzählt, welche Gefahren angeblich von abstrakten Terroristen drohen. Jederzeit könnte ein Bahnhof, ein Flughafen oder sogar der Reichstag in die Luft gesprengt werden. In seit Jahren immer wiederkehrenden, teils unregelmäßigen Zyklen wird die Gefahr scheinbar konkreter, trotzdem ist nach der RAF noch nie ein terroristischer Anschlag in Deutschland verübt worden. Das heißt natürlich nicht, dass man das deswegen ausschließen könnte, aber das ist ja gerade der Punkt beim Terror: man kann ihn nicht verhindern. Nie. Es gibt polizeiliche Maßnahmen, auch und insbesondere der Überwachung, die sogar in tadellosen Rechtsstaaten bei konkretem Verdacht gegen bestimmte Personen durchgeführt werden können. Mehr kann man aber nicht tun. Jede einzelne Maßnahme, jedes Gesetz, (ebenfalls jeder Auslandseinsatz von deutschen Soldaten,) die der Erhöhung der inneren Sicherheit dienen sollten, sind sinnlos und treffen und trafen höchstens unbescholtene Bürger, die sich mittlerweile einem Generalverdacht ausgesetzt sehen. Keine dieser Maßnahmen würde verhindern, dass irgendwo in diesem Land z.B. ein Sprengstoffattentat verübt wird.

Meine Mutter erzählte mir neulich, dass sie bei den Anschlägen am 11. September 2001, die sie in den Nachrichten verfolgte, von Angst ergriffen begann Fluchtpläne zu schmieden, mit der Familie schnellstmöglich auf’s Land zu flüchten, wo die Gefahr geringer wäre. In der Folge mochte sie auch den Krieg in Afghanistan nicht ablehnen. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie wenig das zu ihrer sonstigen politischen Haltung passt. Trotz oder auch wegen unzureichender Informationen über die Hintergründe befürwortete sie die deutsche Beteiligung an einem Kriegseinsatz (Aufbauhilfe und so, bla bla, ich weiß, spielt aber keine Rolle). Sie beschrieb, wie dieser Anschlag die Erinnerung an die Zeit in Deutschland wachrief, in der die RAF ständig latente oder manifeste Gefahr bedeutete.

Zum ersten Mal seit neun Jahren, zum ersten Mal seit Beginn der Panikmache und des Umbaus der Konzepte zur inneren Sicherheit kam mir durch diese Erzählung der Gedanke in den Sinn, dass wir von Menschen regiert werden, die allesamt den Terror der RAF bewusst miterlebt haben. Es war gerade einmal knapp dreieinhalb Jahre her, dass das Schreiben, in dem die RAF ihre Auflösung bekannt gab, veröffentlicht wurde. Das muss eine unglaubliche Erleichterung gewesen sein, vielleicht auch nur unbewusst. Die Angst, von der ein Großteil der Bevölkerung mit Erinnerung an den deutschen Terror im Herbst 2001 ergriffen wurde, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Und dann kam jemand daher und behauptete, die Terroristen sitzen in Afghanistan, da müssen wir sie nur rausholen! Gott sei Dank gibt es ein Ziel!

Aber der Terror hat keine Quelle, die man im Raum verorten kann. Das ist eine seiner grundlegenden Eigenschaften. Die Gefahr, die von möglichen terroristischen Anschlägen in Deutschland ausgeht, ist verschwindend gering, aber auch nicht verringerbar. Die Wikipedia sagt über den Terror im ersten Absatz:

Der Terror (lat. terror Schrecken) ist die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen.

Das ist das Wesen des Terrors und er hatte in diesem Land Erfolg. Durchschlagenden, nicht wegzuredenden und wahrlich erschreckenden Erfolg. Wir werden von Angst und durch Schrecken regiert. Einige unserer ehemals felsenfesten Werte, auf die diese Demokratie aufgebaut wurde, sind mittlerweile verwässert oder stehen ständig zur Disposition. Wo sind denn die Stimmen der Vernunft in Form von Politikern, die nicht instinktgesteuert Flucht oder Angriff wählen? Die beruhigend und sachlich dem Kern ihrer Arbeit nachgehen. Die der Bevölkerung ein Beispiel bieten, wie wir auf unsere freiheitlichen Werte vertrauend echten Bedrohungen gelassen und kraftvoll die Stirn bieten können. Doch das einzige, was auf weiter Flur zu sehen ist, sind haufenweise aufgescheuchte Hühner, die durch ihre eigene Panik weit mehr Chaos und Schaden verursachen, als es die nüchterne Realität gebietet.

Hab keine Angst, Deutschland.

Bildquelle: Che-Si. Lizenz: CC-BY-SA

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endlich-wen-anschwaerzen.de

Der Kölner an sich war ja noch nie zimperlich, wenn es darum ging, seinen unbequemen Nächsten der Obrigkeit auszuliefern. „Jo, wat määt dä dat uch. Dat geiht esu nit!“ Insbesondere, wenn das geht, ohne selbst in die Schusslinie zu geraten. „Nä, do will ich nix met ze donn han. Ävver jet maache mööt mer schon.“ Dem trägt die Kölner Verwaltung nun auch online Rechnung: Der Denunziator

Noch geht es zwar nur um verbotenes Rauchen in Gaststätten, das der willfährige Mitbürger per Online-Formular zur Meldung bringen kann, aber da ist noch Potential!

Was ich von der ganzen Rauchverbotsregelung halte, steht wirklich auf einem anderen Blatt. Aber man denke doch bitte einmal kurz darüber nach, dass es sich beim unerlaubten Rauchen in Gaststätten um eine Ordnungswidrigkeit handelt, oder irre ich mich? Mit anderen Worten, man könnte genauso gut dazu aufrufen, Falschparker per Onlineformular anzuschwärzen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass so etwas auf rege Zustimmung in manchen Kreisen stieße.

Dass Gesetze in der Regel durchgesetzt werden sollten, steht außer Frage. Mit solchen Aufrufen (und ein Aufruf ist es – nicht nur eine Möglichkeit; koeln.de wird im Auftrag der Stadt betrieben und dort steht „Kölner sollen Rauchverbot-Sünder anschwärzen“ in der Überschrift) fördert man ein Klima, das ich weder in meiner Stadt noch in meinem Land haben möchte. Eines, in dem sich Nachbarn gegenseitig bespitzeln und bei Kleinigkeiten anzeigen, eines, in dem jeder sofort, wenn ihm jemand oder etwas nicht passt, überlegt, ob er diesen nicht vom Staat bestrafen lassen kann.

In den meisten einfachen Fällen kann man denjenigen direkt ansprechen und ihm sagen, was einem nicht gefällt und warum. In manchen Fällen kann es auch nötig werden, daraufhin die Polizei oder das Ordnungsamt zu rufen. Aber eben in der Situation während man dabeisteht und sich mit seinem Gesicht und Wort für sein Recht einsetzt, wenn man es denn verletzt glaubt. Hinterher und unerkannt, „allein us Frack“, jemandem die Obrigkeiten auf den Hals zu hetzen ist einfach nur ekelhaftes Verhalten, das durch solche „Angebote“ hervorgekehrt werden soll.

Hoffmann von Fallersleben hat nicht nur ein Liedchen getextet, das in Auszügen vor deutschen Nationalspielen gesungen wird, er hat auch zwei treffende Verse in seinen politischen Gedichten verfaßt:

Der größte Lump im ganzen Land,
das ist und bleibt der Denunziant.

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