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Schlagworte: emailüberwachung

Die Post und der Mann vom Geheimdienst

Ein Bild von einem Stapel Briefe

Wenn man einen Brief versendet, kann es sein, dass mit diesem Brief folgendes passiert:

Aus der Masse von Briefen, die täglich auf dem Postamt bearbeitet werden, wird zufällig eine Handvoll aussortiert. Diese Handvoll zufällig ausgewählte Briefe kommen in einen extra dafür eingerichteten Raum. Jedes Postamt ist per Gesetz dazu verpflichtet, einen solchen Raum und die darin befindlichen Gerätschaften einzurichten und anzuschaffen. In diesem Raum steht ein Automat vom Geheimdienst, der die Briefumschläge mit Wasserdampf öffnet und die Briefe herausnimmt. Sie werden auf einen Kopierer gelegt und vollständig kopiert. Die Daten auf dem Briefumschlag dazu, Namen und Anschriften des Absenders und des Empfängers, werden auch kopiert. Dann werden die Briefe wieder verpackt, zugeklebt und weiter versendet, als wenn nichts passiert wäre.

Die Kopien der Briefe werden jetzt mit einem Computer bearbeitet, der nach bestimmten Inhalten sucht. Das heißt, er liest die gesamten Briefe. Im Speicher des Computers befinden sich jetzt Liebesbriefe, Entschuldigungen, Beileidsbekundungen, Rechnungen, Mahnungen, Verträge und was man noch so per Brief verschickt. Im Gesetz, das all das erlaubt, steht, dass der Computer in all den Briefen nur nach ganz bestimmten gefährlichen Dingen suchen darf. Aber dem Computer ist das egal. Er sucht nach allem, was der Mensch, der ihn bedient, ihm sagt. Kopieren und speichern tut er sowieso erstmal alles. Er wirft am Ende dann die Kopien weg, wo nichts von dem drinsteht, wonach er suchen soll. Vielleicht ist man geneigt zu glauben, dass das nur mit ganz wenigen Briefen passiert. Und bei so vielen, wie jeden Tag verschickt werden, da ist das nicht so schlimm.

Aber der Geheimdienst in Deutschland hat jetzt erzählt, dass er mehr als 37 Millionen Briefe im Jahr 2010 untersucht hat. Untersuchen tut der Geheimdienst natürlich nur die Briefe, die ihm der Computer vorher gegeben hat, weil er darin etwas gefunden hat, was vielleicht gefährlich sein könnte. Das bedeutet also, dass die 37 Millionen Briefe nur ein winziger Anteil sein können von denen, die von den Computern tatsächlich kopiert und erfasst worden sind. Denn so wahrscheinlich ist es ja nicht, dass man in zufällig ausgewählten Briefen Wörter wie Bombe oder Anschlag oder Menschenschmuggel findet. Der geneigte Leser frage sich doch einmal, wie oft er solche Wörter in Briefen verwendet. Selbst wenn man die ganze Werbepost, die auch in Briefumschlägen verpackt ist, mitzählt, ist das eine unvorstellbare Menge an privaten und geschäftlichen Briefen, die vom Geheimdienst vollautomatisch, flächendeckend und ohne Anlass geöffnet und kopiert werden.

Auch Geheimdienste – vielleicht sogar gerade die – sind nicht davor gefeit, dass bei ihnen Menschen arbeiten, die andere Vorstellungen davon haben, nach was man so suchen darf, als das Gerichte und Gesetzgeber und Bürger haben. Diese Brieföffnungen, die die Postämter da auf Anweisung durchführen müssen, werden übrigens auch gar nicht von einem Gericht angeordnet oder überprüft. Es gibt da eine kleine Gruppe von Politikern, die dazu da ist, den Geheimdienst zu kontrollieren. Nicht um ihm das alles zu erlauben, nur um es im Nachhinein zu kontrollieren. Aber da sind die ganzen Briefe schon geöffnet, kopiert und durchgelesen, vielleicht sogar schon von einem Menschen, obwohl später gesagt wird, dass der das gar nicht durfte.

Wenn man das so liest, dann fühlt man sich plötzlich so ähnlich, wie sich die Leute in der DDR gefühlt haben, wo auch die ganze Post geöffnet wurde, oder zumindest ein so großer Teil, dass man davon ausgehen musste, auch die eigene ist darunter.

Wenn man das so liest, dann ist man fast geneigt zu glauben, dass die täglich stattfindende anlasslose Überwachung in Deutschland, die vielleicht sogar wirklich noch nur zur Suche nach Hochkriminellen und Terroristen verwendet wird, dass diese Überwachung mindestens in so großem Stil durchgeführt wird, wie in der DDR. Nur dass es keiner schlimm findet.

Wenn man das so liest, dann fragt man sich ernsthaft, warum das allen egal ist. Warum entweder mit Schultern gezuckt oder blöde Witze über die dummen Suchwörter des Geheimdienstes gemacht werden.

Weil es keine Briefe, sondern Emails sind.

Verschlüsselt. Verschlüsselt was das Zeug hält! Und kackt euren Abgeordneten ins Gesicht, die so etwas nicht nur zulassen, sondern in ihrer Rolle als Parlamentarier die Gesetze, die all das möglich machen, mitbeschlossen haben!

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Bildquelle: Flickr-User bourgeoisbee; CC-BY-NC-Lizenz

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