kritikant

laut nachgedacht

Zum Zubehör springen

Krieg ist nicht relativierbar

Frank Rieger hat einen Artikel in der FAZ zu der rationalistischen und geschäftsmäßig optimierten Art heute Krieg zu führen geschrieben. Kriegsstrategien würden aufgrund von Parametern, die es eventuell zu manipulieren gilt, in kühler Art und Weise mathematisch optimiert. Der Gedanke, der womöglich hinter solchen Betroffenheitsäußerungen steht, ist, dass Kriege eigentlich von keinem der Beteiligten gewollt sind, weil man sich ja bewusst ist, wie unmenschlich sie sind und wieviel Elend sie mit sich bringen, daher ist man der Ansicht (oder trägt zumindest den Wunsch), dass die kriegführenden Parteien in irgendeiner Art menschliches Interesse in den Vordergrund stellen. Wenn sie schon aus bestimmten Gründen glauben, dass der Krieg nunmal unausweichlich ist, dann doch wenigstens mit Blick auf die Betroffenen und nicht auf so profane Art auf Abstrakta wie objektiv möglichst zielführende Strategien, mathematische Modelle und derlgeichen.

Das ist eine grundfalsche Annahme. Wer sich auf Kriegshandlungen einlässt, der tut dies nur mit einem Ziel: Sieger zu sein. Anders ist kein Krieg zu führen. Niemand würde hingehen und sagen „Gut, ich fange mal mit meinem Nachbarn (oder mit einem Volk auf der anderen Seite der Erde) Krieg an, aber nicht um jeden Preis. Wenn ich zu viele Menschen töten muss, oder wenn das, was ich tun muss, zu unmenschlich wird, lasse ich den Anderen gewinnen.“ Merkt es endlich: Krieg ist immer, zu jeder Zeit, an jeden Ort, mit egal welchen Mitteln grundsätzlich unmenschlich. Über die Tatsache hinaus, dass ich beschließe, um mein Ziel zu erreichen, jemanden zu töten, gibt es keine Möglichkeit der Kategorisierung. In dem Moment, wo ich diese Grenze überschreite, haben moralische Abstufungen keine Grundlage mehr. Es gibt nichts Widerwärtigeres, nichts Amoralischeres mehr als das.

Das Absurde ist, dass dies in jedem Krieg alle Beteiligten wissen. Diejenigen, die sich dann über so etwas wie „kalte Rationalität“ oder „Massaker“ oder „Kriegsverbrechen“ echauffieren, sind Unbeteiligte. Bürger. Politiker aus nicht beteiligten Staaten. In manchen Fällen sogar Politiker aus beteiligten Staaten. Aber der Soldat, den hören wir nicht. Denn er weiß, dass er alle Moral hinter sich gelassen hat, als er in den Krieg eingetreten ist.

Ein kleiner Einschub an dieser Stelle. Natürlich gilt dies nicht für alle Soldaten. Aber man muss sich auch mal ansehen, was für welche das sind. Sind es Taliban-Kämpfer? Sind es Special Forces, die allein auf sich gestellt an vorderster Front mehr oder weniger Mann gegen Mann kämpfen? Nein, es ist höchstens Führungspersonal, das so gut geschützt und damit unbeteiligt in der Kommandozentrale sitzt, dass es Zeit hat für solche Gedanken. Es sind womöglich auch Bomberpiloten oder noch schlimmer Soldaten, die Waffen per Fernsteuerung von der Heimatfront aus bedienen. Allen diesen Soldaten ist eines gemeinsam: sie sind nicht beteiligt genug. Wer zum Beispiel in Vietnam im Dschungel gesessen hat mit seinen Kameraden, genau wissend, dass es keinen Mittelweg gibt, dass nur der andere stirbt oder man selbst, würde nicht anfangen, „unmenschliche“ Arten der Kriegsführung zu beklagen. Das können nur die, die nicht erleben, was Krieg eigentlich ist.

Es ist meine moralische Überzeugung, dass Krieg ein Zustand ist, der nicht relativiert werden kann. Es gibt eine Grenze im zwischenmenschlichen Verhalten, die Zivilisation von Krieg scheidet und wenn diese Grenze überschritten ist, spielt es keine Rolle mehr, was dahinter geschieht. Denn nichts kann es grauenvoller machen. Weder kühle Logik noch ungehemmte Brutalität. Krieg ist notwendigerweise durch die Abwesenheit von dem Gedanken gekennzeichnet, dass Menschen und ihr Leben etwas Wert seien.

Das führt, zuende gedacht, dazu, dass jede kriegführende Partei alle Mittel nutzt, die ihr zur Verfügung stehen oder von denen sie das glaubt, um ihr Ziel zu erreichen. Dass die US-Army beispielsweise keine Atombomben über Afghanistan abwirft hat viele verschiedene Gründe, einen jedoch nicht: dass man so etwas nicht macht, weil es zu unmenschlich ist. Wenn die USA diese Position verträten, hätten sie zumindest den Verzicht auf den Ersteinsatz von Kernwaffen erklärt (die einzigen Atommächte, die das bereits getan haben sind übrigens Indien und China). Nein, im Rahmen der Berücksichtigung aller Folgen militärischen Handelns ist es für die USA schlicht keine Option, das zu tun.

Heute befinden sich die entwickelteren Staaten in der Zwickmühle, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Teil der Gesellschaft der dem zivilisatorischen Glauben oder der Hoffnung anhängt, dass man sich über den rohen Kampf Aller gegen Alle erhoben habe, und demjenigen, der Interessen hat, die sich einzig und allein mit kriegerischen Mitteln verfolgen lassen. Wir haben (zum Glück) nicht mehr die Situation, dass jeder in der Gesellschaft potentiell auch Krieger ist und daher die Moral als eher unwichtig ansieht. Das Problem ist nur, dass der nichtkriegerische Teil der Bevölkerung (und dazu gehören auch höchste Politiker) nicht begreift, dass es innerhalb der Sphäre des Krieges keine moralischen Abstufungsmöglichkeiten gibt. Er glaubt, man könne Kriegshandlungen in richtig schlimme und weniger schlimme einteilen. Das geht nicht.

Wer sich in einen Krieg begibt und nicht alle ihm zu Verfügung stehenden Mittel nutzt um den Sieg (und womöglich sein Leben) davonzutragen ist nicht nur amoralisch sondern auch dumm und weltfremd. Denn „der Andere“ wird das möglicherweise tun. Menschenrechtserklärung hin oder Haager Landkriegsordnung her. Das Übertreten einer Schwelle, die die Achtung vor den Menschen vom Krieg trennt, das niemandem leicht fallen sollte, hat notwendigerweise den Preis, dass man sich auf Moral nicht mehr zurückziehen kann.

Also welchen Sinn hat es, auf Teilaspekte des Krieges hinzuweisen, die verwerflich sind? Oder schockierend? Wen Krieg an sich nicht schockiert, der hat ein ernsthaftes Werteproblem.

Flattr this