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Gelesen: Inseln im Netz – Bruce Sterling

Ich habe mir kürzlich Inseln im Netz von Bruce Sterling gekauft. Irgendwo im Netz hat das irgendwer empfohlen oder sich darauf bezogen oder es nur erwähnt – kurz: ich weiß es nicht mehr. Offensichtlich hat es mich aber genug beeindruckt, mir das Buch bei Amazon gebraucht zu bestellen (neu gab’s nicht). Ich kaufe so gut wie niemals gebrauchte Bücher, ich will sie oft genug nicht mal geschenkt haben; bin da irgendwie eigen, umso erstaunlicher, dass ich es haben wollte.

Aber zurück zum Roman. Ende der 80er Jahre erstveröffentlicht beschreibt er eine nahe Zukunft (um 2030), in der Nationalstaaten ihre Bedeutung nahezu verloren haben und (Welt-)politik zunehmend von global oder zumindest multinational agierenden Unternehmen gemacht wird. Die Protagonistin Laura Webster gehört zu einer dieser Firmen (Rizome) und betreibt in deren Auftrag mit ihrem Mann ein Ferienheim. Nachdem dort ein tödlicher Anschlag auf einen Angehörigen einer fremden Delegation verübt wurde, fühlt sie sich verpflichtet, als Unterhändlerin für Rizome und als Zeugin mitsamt Mann und Säugling in das Herkunftsland des Toten zu reisen, um bei der Aufklärung und der Deeskalation Hilfe zu leisten. In der Folge entwickelt sich eine Geschichte über weltweite Verschwörungen, Datenpiraten und Geheimarmeen.

Lesen wollte ich das Buch wegen der Aktualität einer nationalstaatlich verankerten Politik, die langsam immer mehr ihrer Einflussmöglichkeiten an globale Konzerne abgibt und von diesen immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt wird. In der Tat ist dieses Szenario glaubwürdig und relativ detailliert ausgeführt. Rizome ist selbst ein demokratisches Gebilde, das eine gewählte Regierung, Diplomaten und Ähnliches besitzt. Durch das Netz haben die Teilnehmer oder Teilhaber ständigen Zugriff auf Informationen, Nachrichten, Gesprächspartner. Auf der anderen Seite gibt es jedoch eine Reihe Akteure, die solche Ideologien nicht mittragen wollen, sondern sich vornehmlich auf die Datenpiraterie zurückziehen. Daten sind wertvoll, sie können gestohlen und verkauft werden. Sie können auch direkt zum eigenen Vorteil genutzt werden, dabei ist es natürlich schlau, selbst keine zur Verfügung zu stellen. Die regelkonforme Eingliederung in das Netz verweigern sie deshalb.

Die Geschichte, nein, das Szenario regt zum Nachdenken an und fasziniert wegen seiner einigermaßen prophetischen Eigenschaften (wir erinnern uns: es wurde einige Jahre vor dem WWW geschrieben, vor Google, vor Facebook). Die Lektüre gibt neben der Idee von Konzernen, die mächtiger sind als Staaten, und deren Implikationen noch mehr Anlässe zum Nachdenken. Über eine mögliche Blauäugikeit von pazifistischen Demokraten etwa, die sich nicht vorstellen können, wie jemand bei Überlegungen über Moral, Politik, Recht usw. zu einem anderen Ergebnis kommen könnte, als sie selbst. Ebenso über scheinheilige West-Ideologen, die ihre Werte mit Feuer und Schwert verbreiten wollen. Über die Gefahr von Söldnerheeren für allein gelassene und wehrlose Völker und Staaten. Über den Sinn von Entwicklungshilfe. Über Afrika.

Und trotzdem! Trotzdem weiß ich nicht, ob Inseln im Netz ein gutes Buch ist. Die Charaktere sind, wenn auch im Ganzen relativ simpel, immerhin glaubwürdig motiviert. Aber die Geschichte wirkt zu zerfasert, es gibt zu viele lose Enden bzw. man ist sich nicht sicher, ob zu viel angefangen und nicht ausgeführt wurde, oder ob alles nur Staffage ist, die keine Substanz bietet. Oft genug fehlt dem Leser Wissen über diese dystopische Welt, das ihm weder angeboten wird, noch selbstständig von ihm ergänzt werden kann. Hin und wieder soll es vielleicht geheimnisvoll wirken, doch hinter den Lücken scheint kein Geheimnis durch, sondern Leere. Am Ende hätte ich mir eher ein Buch gewünscht, das entweder den (zweifellos spannenden!) Hintergrund vollständiger erklärt, zeigt und ausbreitet oder eine elaboriertere Story. Hier scheint aber jeweils das eine vom anderen überschattet und beiseite geschoben zu werden.

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