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Kategorie: Einfälle und Aphorismen

Idee für anonymes elektronisches Bezahlen

Durch Fefe bin ich auf einen Artikel über das Überwachungspotential von Debit Cards gestoßen. Eines, das wir alle wegen der Bequemlichkeit schon längst akzeptiert haben. Die Kurzform:

Wenn ich mit meiner Karte bezahle, baut das Terminal eine Verbindung mit meiner Bank auf, die meinen Kontostand bzw. mein Kreditlimit checkt, und bucht den Rechnungsbetrag ab. Dabei entsteht eine Datenspur meines kaufenden Lebens, in der alle Orte, Zeiten, Beträge und Produkte (zumindest Händler) gespeichert werden.

Dabei hatte ich folgende Idee: Ein Teil der Lösung existiert schon: Die Geldkarte. Ich kann an Bankterminals beliebige Beträge auf den Chip meiner Karte laden und dann damit wie mit Bargeld bezahlen bis es verbraucht ist. Es ist aber gerade der Vorteil von EC- bzw. Kreditkarten, dass ich nicht ständig zu meiner Bank gehen muss und daran denken, immer genügend auf die Karte geladen zu haben. Das gleiche Problem hatten auch die frühen Prepaid-Handys: Der Dran-Denken-Overhead ist zu groß, als dass es Leute haben wollen.

Also, was ist, wenn man ein ähnliches System wie mittlerweile bei den Handy-Prepaid-Anbietern existiert auf Geld überträgt? Eine Skizze:

Ich vereinbare mit meiner Bank einen Aufladebetrag, z.B. 100 Euro. Dieser Betrag wird von meinem Konto abgebucht und auf den Chip meiner Karte geladen. Ich kann damit bezahlen, wie mit einer Geldkarte (allerdings bitte flächendeckend). Wenn ein ebenfalls vereinbarter Threshold unterschritten wird, z.B. 20% oder 30% des Aufladebetrags, bucht die Karte ohne mein Zutun den Aufladebetrag erneut von meinem Konto ab auf den Kartenchip. Idealerweise versieht man das ganze mit etwas Fuzzyness: Denn wenn immer genau dann aufgeladen wird, wenn ein Bezahlvorgang die Grenze überschritten hat, habe ich ja wieder eine enge Datenkorrelation mit meinem Verhalten. Also vielleicht ungefähr so: Es gibt zwei untere Grenzen: eine „weiche“ Grenze, die ich sagen wir bei 40% einstelle, und eine „harte“ bei vielleicht 20%. Nur wenn die harte Grenze unterschritten wird, läd sich die Karte sofort wieder auf (verhindert, dass ich ohne Geld im Laden stehe). Unterschreite ich aber nur die weiche Grenze, wird zufällig ein Zeitpunkt in den nächsten 3 oder 5 Stunden gewählt, zu dem die Karte sich wieder bei meinem Konto bedient. So werden Aufladung und Bezahlvorgang zeitlich und wahrscheinlich auch räumlich entkoppelt. Darüber hinaus könnte man noch implementieren, dass die Karte einmal alle 1 oder 2 Tage feststellt, ob überhaupt weniger als der Grundbetrag auf dem Chip ist und wenn ja, dann wird zwar nicht der gesamte Betrag aufgeladen, aber ein kleinerer, zufällig gewählter Betrag.

Auf diese Weise hätte ich die Möglichkeit ständig bargeldlos zu bezahlen, wenn auch nicht beliebig hohe Beträge (es sei denn ich lade die Karte mit sehr viel Geld auf). Und trotzdem wüsste weder meine Bank noch jemand, der möglicherweise auf die Bankdaten zugreift, was ich wo wann kaufe. Es gäbe nur sporadische, unregelmäßige Aufladezyklen, die lediglich einen Rückschluss darauf zulassen, wieviel Geld ich in einer bestimmten Zeitperiode ausgebe – nicht anders als ob ich Bargeld abhebe.

Der offensichtliche Nachteil ist, dass die Karte selbstständig mobil kommunizieren muss. Das heißt, sie ist ebenso ortbar wie mein Telefon, und sie ist über die Luft angreifbar.

4Twitter

Bei den Sozialtheoristen spricht Stefan Schulz von Twitter als sicherem Ort. Letztlich geht es um Kommunikation ohne Adressaten und Ordnung derselben durch Hashtags. Aber im vorletzten Absatz skizziert Stefan ein konstruktives 4Chan, das neben dem Adressaten auch den Autor ignoriert. Ich finde die Idee großartig! Das müsste mal jemand™ bauen. Mir schwebt das so ungefähr folgendermaßen vor.

Die Nachrichten/Beiträge, die von Nutzern gesendet werden, enthalten als Metainformationen nur das Datum und eine möglicherweise vorhandene Referenz auf eine andere Nachricht, falls der Autor zum Verfassen auf "Antworten" bei dieser Nachricht geklickt hat (so, wie man bei Twitter auch in einzelnen Tweets auf Antworten klickt, um @replies zu verfassen). Durch diese Funktion lassen sich direkte Gespräche innerhalb des Stroms ansatzweise nachvollziehen.

Es gibt also keinen Hinweis darauf, wer einen Beitrag verfasst hat (wie bei 4Chan). Das Resultat ist ein für jeden Benutzer gleichartig sichtbarer, öffentlicher Strom aus Beiträgen. Da das nicht besonders praktisch ist, um einen Sinn zu erfassen oder sich auch nur auf ein bestimmtes besprochenes Thema zu konzentrieren, gibt es Hashtags, die die gleiche Funktion wie bei Twitter haben. Nur, dass jedem Beitrag ein Hashtag zugewiesen wird. Die Nutzer werden durch das System gezwungen, jeder ihrer Nachrichten vor dem Absenden ein Tag zuzuweisen. Dabei kann man sowohl beliebige eigene und/oder neue eingeben, als auch aus bereits innerhalb des Systems verwendeten auswählen (was praktisch ist, um seinen Beitrag in ein bestehendes Thema zu integrieren).

Um dem Strom Herr zu werden, abonniert man. Nicht Nutzer, sondern Hashtags. Der im eigenen Account angezeigte Strom besteht so nur noch aus Beiträgen, die mit Tags versehen sind, die man abonniert hat. Ich könnte zum Beispiel #wortspiel, #politik, #linux und #urlaub abonnieren und bekäme ausschließlich Beiträge zu sehen, die mit einem oder mehreren dieser Begriffe getaggt sind. Über eine API könnten externe Anwendungen natürlich auch für jedes Tag einen eigenen Strom darstellen oder jeweils nur Subsets von abonnierten Tags. Um den Problemen des thematischen Unterwanderns (siehe unten: Welche Eigenschaften hätte dieser Dienst) zu begegnen, könnte man auch implementieren, dass man gezielt Tag-Kombinationen abonnieren kann. Also nicht alles, was #politik oder #linux enthält, sondern #politik und #linux.

Um ein neues Hashtag zu etablieren, d.h. für andere sichtbar zu machen, müsste neben dem neuen schon mindestens ein bekanntes zusätzlich in die Nachricht integriert werden. Wenn also z.B. das Tag #piraten schon bekannt ist und der erste etwas zum Bundesparteitag der Piraten im Jahr 2012 schreiben will, sollte er den Beitrag mit #bpt12 und zusätzlich mit #piraten taggen. (In dem Fall wäre das möglicherweise auch durchgehend sinnvoll, weil ja vermutlich auch andere Parteien über ihren BPT schreiben.) Wenn dann eine Weile beide Tags parallel gelaufen sind, kann irgendwann (eventuell) das ältere weggelassen werden, weil vermutlich in der Zwischenzeit andere Nutzer das neue Hashtag abonniert haben.

Ich habe darüber nachgedacht, ob man auch die Tags als Metadaten mitschickt anstatt im Messagebody, aber das würde dazu führen, dass die Nutzer viel zu viele Tags gleichzeitig benutzen. Es soll aber gerade darauf ankommen, die Beiträge thematisch möglichst präzise und eng einzuordnen.

Weil aber trotzdem oft mehr als ein Tag pro Beitrag gebraucht wird (z.B. um ein neues bekannt zu machen), sind 160 Zeichen vermutlich zu wenig. Zu lang sollte es aber auch nicht werden, weil Verknappung wie bei Twitter zu Prägnanz führen kann. Vielleicht also 200 Zeichen oder 220. Das sollte genügen.

Auf der Weboberfläche (und auch per API zugänglich) können die aktuell meistbenutzten Tags aufgeführt werden oder auch sowas wie ähnliche Tags zu denen, die man schon abonniert hat (das würde aber womöglich semantische Analysen erfordern).

Hm, Nutzer. Wer oder was ist der Nutzer. Muss man sich überhaupt anmelden? Von der Systemlogik her nicht. Wenn man die Anwendung per Weboberfläche und nicht per externes Programm benutzen will, bräuchte es zumindest Cookies, die sich die Abos merken. Das funktioniert dann aber nicht über mehrere Geräte hinweg. Daher könnte es zum Zweck der Bequemlichkeit schon interessant sein, einen Account zu haben.

Beiträge schreiben kann man aber auf jeden Fall auch ohne. Das bedeutet vor allem, dass jegliche Einstiegshürde zum Beitragen wegfällt. Man kann einfach die URL aufrufen, sieht z.B. den allgemeinen Strom und beliebte Tags und ein Eingabefeld, in das man eintippen kann, was einem gerade einfällt.

Welche Eigenschaften hätte ein in dieser Weise aufgebauter Dienst?

  • Gerichtete Kommunikation (im Sinne von: auf Personen gerichtet) wird vollständig unterbunden und durch eine rein thematische ersetzt.
  • Es lassen sich nicht wie bei Twitter Nutzer und damit Beiträge ausblenden, jedenfalls, wenn sie mit einem Hashtag versehen sind, dass man abonniert hat.
  • Trollerei wäre an der Tagesordnung (4Chan).
  • Ob das Ganze für Werbung ausgenutzt/missbraucht werden würde, kann ich nicht abschätzen. Aufgrund des anonymen und damit vermutlich 4channigen Kommunikationsverhaltens der Nutzer wäre die Attraktivität für Werbende, dort aufzutauchen und mitzumachen, vielleicht nicht besonders hoch. Andererseits … naja.
  • Durch das Modell des thematischen Abonnierens lässt sich ein Strom von Beiträgen generieren, der, obwohl er leicht zu unterwandern ist, indem man einfach thematische unpassende Tags wählt, wahrscheinlich vorrangig Inhalte zeigt, die den Abonnenten interessieren. Insbesondere, wenn man Tag-Kombinationen abonniert.

Ich finde das Modell jedenfalls interessant und würde es ausprobieren und mitmachen, wenn es sowas gäbe. Die Kommunikation, die sich dabei herausbildet, wäre bestimmt spannend.

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