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Drei Wünsche für eine Urheberrechts-Fee

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Jo Lendle, Verleger des DuMont-Buchverlags hat drei Wünsche an eine Urheberrechtsdiskussions-Fee. Auch wenn sein Text so kameradschaftlich-kompromissbereit daherkommt und für eine rationalere Betrachtung der Fakten wirbt, sieht es für mich so aus, als wären ihm selbst diese auch nicht so ganz klar.

Sein erster Wunsch ist, dass die Gratispriester endlich einmal den Unterschied zwischen Urheberrecht und Copyright begreifen. Möglicherweise meint er damit den Unterschied zwischen dem Urheberpersönlichkeitsrecht und den Verwertungsrechten. Das wird auch aus dem Kontext nicht so ganz klar, aber nehmen wir einmal an, dass Lendle es so meint.

Dazu kann ich nur sagen: Ja! Bitte! Begreift es endlich! Denn das ist, was unter anderen den Piraten ständig unterstellt wird: Das Urheberrecht abschaffen zu wollen. Was für ein Unsinn. Der Urheber eines Werks soll natürlich immer mit seinem Werk verbunden bleiben. Er hat z.B. Anspruch auf Namensnennung, Erstveröffentlichung usw. (Allerdings finde ich persönlich das Recht auf Unterbindung von Entstellung o.ä. schon problematischer, siehe Mashups, Remixes …) Was wir ändern (nicht völlig abschaffen!) wollen, betrifft vor die Verwertungsrechte.

Unverständlich ist mir der Satz: Wer behauptet, an langen Schutzfristen verdienten vor allem die bösen Verwerter, der lügt. Ähm, wer denn sonst? Bei den derzeitigen Schutzfristen von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers ist dieser doch während der überwiegend geschützten Zeitspanne gar nicht mehr da, um vom Schutz zu profitieren. Die Piraten sind für die Verkürzung der Frist auf 10 Jahre nach dem Tod. Mir ist das zwar auch schon zu lang (für wen soll das gut sein, die Hinterbliebenen? Warum soll die Gesellschaft die auch noch alimentieren?) aber es ist immerhin ein Schritt weg von der derzeitigen Absurdität.

Lendles zweiter Wunsch ist ein deutlicherer Unterschied zwischen digitalem Kleinvieh und tatsächlichen Werken. Das Prinzip der Kleinen Münze sei überholt, man müsse weg von einem Zustand in dem jeder täglich in digitalen Medien hundertfach gleich zum Autor/Urheber wird. Es soll also nicht mehr jeder Schnipsel urheberrechtlich geschützt sein. Doch dafür, Achtung, sei kein anderes Urheberrecht nötig, sondern bloß seine pragmatisch gelassene Anwendung vor Gericht. Nee, is klar. Wer braucht schon Rechtssicherheit? Überlassen wir es einfach dem individuellen Gericht, festzustellen, ob ein Webnutzer oder Remixer rechtmäßig für eine Urheberrechtsverletzung belangt wird oder ob das, was er benutzt/verteilt hat gar nicht schutzwürdig ist. Was in Hamburg schon ein Verbrechen ist und in Köln ein Kavalliersdelikt, wird in Berlin dann als rechtmäßige Nutzung eingestuft. What could possibly go wrong? Oder wird dann nur noch zum Richter berufen, wer das Recht pragmatisch und gelassen auslegt?

Darüberhinaus fragt man sich schon, was genau Lendle sich eigentlich unter digitalem Kleinvieh so vorstellt? Tweets? Instagram-Bilder? Blogeinträge? Die Kleine Münze bewirkt zwar, dass die Hürde für ein schutzwürdiges Werk so gering wie möglich angesetzt ist, aber sie ist auch ein sehr einfaches Prinzip. Überlegungen wie die von Lendle – die sich, wie angeführt, in Gesetzestext und nicht im Richterermessen ausdrücken müssten – würden das Urherberrecht noch weiter verkomplizieren und das ist wirklich das Letzte, was wir gebrauchen können. Ursprünglich als Rechtekatalog für das Verhältnis zwischen Urhebern und kommerziellen Akteuren der Wirtschaft gedacht, ist ja nun gerade das Problem, dass durch das Netz jeder in die Fänge dieses Rechts gerät. Von den beiden erstgenannten Gruppen kann man erwarten, dass sie sich mit den rechtlichen Feinheiten dieses Ungetüms auseinandersetzen, jedoch nicht von Hinz und Kunz, deren einziger Fehler war, sich einen Internet-Anschluss zu bestellen. Deswegen muss das Gesetz einfacher und leichter verständlich gestaltet werden, bzw. seine komplexeren Regelungen eindeutig auf Vorgänge im Bereich der explizit kommerziellen Verwertung beschränkt werden.

Als letztes wünscht sich der <polemik>arme gebeutelte Verleger<⁄polemik>, dass endlich mal anerkannt wird, dass die meisten Verleger ja gar nicht so reich seien, sondern an einem Sparbuch mehr verdienen würden als an der Arbeit als Verleger. Die offensichtliche Antwort nimmt Lendle gekonnt vorweg: Dann lasst es doch! Wer zwingt euch, Verleger zu sein? Und natürlich hat er Recht damit, dass Verlager bzw. Verlage nicht per se unnütz sein müssen. Manch ein Autor ist sehr glücklich über ihre Arbeit. Damit sind wir beim Titel des Artikels: Denn das Risiko, das ein Verleger eingeht, müsse dann aber auch honoriert werden.

Die Frage ist nur: Von wem und zu welchen Konditionen? Wenn ein Autor gern einen Verlag im Rücken hätte, der ihm unangenehme Arbeit abnimmt, dann ist er Dienstleistungsnehmer. Dienstleister werden in der Regel vom Auftraggeber bezahlt. Das offensichtliche Modell ist hier also: Der Autor schreibt, der Verlag macht aus dem Geschriebenen etwas Verkaufbares und vertreibt es und den Erlös teilen sich alle Beteiligten. Wenn der Verlag der Ansicht ist, er könne seine entstehenden Kosten nur dadurch decken, dass er noch 10, 30, 70 nach dem Tod des Autors Geld aus dem Werksverkauf erhält, ganz ehrlich, dann macht er etwas grundsätzlich falsch.

Außerdem, und das ist das wesentliche Problem derzeit, ein Verlag muss, wenn er von seiner Tätigkeit überleben will, aus dem Werk des Autors etwas machen, das sich auch verkaufen lässt. Hier erweitern wir den Fokus mal wieder ein bisschen. Etwas, das faktisch ständig und überall (Am Norpol, im Dschungel, auf dem Klo) gratis in einer Form verfügbar ist, die für den Konsumenten gleichwertig zur verkauften Version ist, lässt sich nicht verkaufen. Darunter fällt alles, das verlustfrei in Bits übersetzt werden kann. Für solche Dinge muss man sich eben Anderes überlegen, das sich mit den Bits bündeln lässt und für sich attraktiv ist: Aufwendige physische Gestaltung z.B. Eintritt zu Konzerten/Lesungen z.B. Diese verkaufbaren Dinge zu finden und sie geschickt mit nicht verkaufbaren zu bündeln, das ist die Aufgabe für Verleger, die noch eine Weile von ihrer Arbeit leben wollen.

Zum Thema Verlage habe ich übrigens vor knapp zwei Jahren schon einmal etwas geschrieben.

Bildquelle: Flickr-User brewbooks; CC-BY

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