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Die Einsamkeit der Forscher

Diese Geschichte handelt von Wissenschaft und herangezüchtetem Egoismus.

Vor einem Jahr lernte ich einen Kommilitonen kennen, mit dem ich zusammen ein ausführliches Referat ausarbeiten sollte. Ein ziemlich umgänglicher Mensch, mit dem ich gut zusammenarbeiten und auch abseits vom bearbeiteten Thema interessante fachliche Diskussionen führen konnte. Im Laufe unserer Arbeit an besagtem Referat brachte er eine bestimmte kleine Idee ein, auf die ich nie gekommen wäre, die ich aber äußerst hilfreich fand. Da am Ende des Semesters auch die Abfassung einer schriftlichen Seminararbeit stand (zumindest für mich), war es für mich selbstverständlich, dort alle für das Referat erarbeiteten Thesen, alles Wissen und alle Gedanken einzuarbeiten. Im Scherz – glaubte ich – wies mich mein Kommilitone, der von seiner Idee immer noch sehr begeistert war, darauf hin, dass es ja seine Idee gewesen sei und ich mich, wenn ich sie in die schriftliche Arbeit einbeziehe, ja an seiner Vorarbeit unrechtmäßig bereichere. Ich habe das wie gesagt für einen Witz gehalten, auch weil wir weiterhin freundschaftlich miteinander umgingen.

Diesen Hinweis wiederholte er aber immer wieder und so oft, dass ich begann, es seltsam zu finden. Das hielt mich jedoch natürlich nicht davon ab, die Seminararbeit genauso zu schreiben, wie ich das vorgehabt hatte.

In diesem Semester haben wir beide uns wieder in einem gemeinsamen Hauptseminar getroffen, haben uns wieder für ein Referat zur Zusammenarbeit verabredet und unterhalten uns auch oft nach dem Seminar, meistens über die eben behandelten Texte. Heute fragte er mich nach der Stunde, ob ich schon wüsste, worüber ich meine Arbeit schreiben würde und nannte mir sein Thema, das mit der heutigen Sitzung zusammenhing. Als ich angab, ein ganz anderes bearbeiten zu wollen, begann er über den heutigen Text zu sprechen, trug einige Ideenansätze vor und beendete einen seiner Sätze (sinngemäß) mit: …aber das wollte ich dann vorhin auch nicht mehr groß einwerfen. Warum denn nicht, fragte ich, ist doch ein guter Gedanke. Ja, weil dann wieder andere nachher … naja, ich will halt nicht, dass ich dort im Seminar etwas sage, worüber ich mir Gedanken gemacht habe und dann greift das jemand anderes auf und baut es am Ende in seine Hausarbeit ein.

Whou. Starker Tobak. Auch mein Einwurf, dass diese Haltung egoistisch und unwissenschaftlich sei, verpuffte anscheinend wirkungslos. Nachdem er nochmals explizit nachfragte, ob es sicher sei, dass ich ein anderes Thema behandeln werde und ich Wahrscheinlich ja zurückgab, wollte er auch nichts mehr weiter zum Thema mir gegenüber sagen.

Was ist das nur für eine groteske Haltung! Wir setzen uns mit zwanzig Leuten in einen Raum, um uns über Texte literaturwissenschaftlich zu unterhalten und auszutauschen, um weiter zu kommen in unserem Verständnis einer literarischen Epoche, um uns zu bilden und Einzelne haben Sorge um ihr geistiges Eigentum. Auch wenn das ein Einzelfall sein mag (ich hoffe es inständig), ist es meiner Meinung nach ein Symptom für eine zunehmende Ökonomisierung und einen zu hohen Stellenwert des Wettbewerbs in den Wissenschaften allgemein und dem universitären Betrieb im Speziellen.

Ich bekomme das auch in anderen Zusammenhängen mit, namentlich aus den Naturwissenschaften: Da werden Daten aus zu haltenden Vorträgen auf Fachkonferenzen herausgehalten, weil sie noch nicht offiziell veröffentlicht sind (und sie deshalb jemand klauen könnte). Da werden wissenschaftliche Veröffentlichungen künstlich unvollständig gelassen, damit man wenige Monate später erneut veröffentlichen kann. Man ist scheinbar in ständigem Wettbewerb um Reputation. Wenn es nur das wäre! Das wäre nämlich die einzige Belohnung, die Wissenschaftler neben dem reinen Erkenntnisgewinn antreiben sollte. Aber nein, es geht um handfeste monetäre Fragen. Denn auch Wissenschaftler müssen von etwas leben. Sie brauchen deshalb eine Anstellung, die sie natürlich nur bekommen, wenn sie hervorragendes veröffentlichtes Material, Artikel in renommierten Fachzeitschriften und dergleichen vorweisen können. Fachzeitschriften! Darüber könnte ich ewig debattieren. Wie viele Probleme könnten gelöst werden, wenn jeder einfach all seine Erkenntnisse, seine Forschungsergebnisse bequem auf der Homepage des jeweiligen Instituts oder noch besser einer zentralen Instanz ohne Heckmeck online stellen könnte. (Die Schwierigkeiten was den ausfallenden Filtermechanismus der Zeitschriften betrifft sind mir bewusst. Deshalb ja: nicht alle Probleme) Ich meine, kann er ja. Dann kann er sich die wichtige Verbindung mit hehren Namen wie Science oder Nature jedoch in die Haare schmieren. Und keinen zukünftigen Arbeitgeber interessiert es, ob die Daten, die irgendein Chinese (oder Brite, oder Deutscher; willkürliches Beispiel!) in sein Paper gepackt hat, schon Monate vorher privat veröffentlicht worden sind.

Wissenschaft sollte eine kollaborative Arbeit sein. Wissenschaftler sollten sich (wieder) als Teile einer Gemeinschaft begreifen, die zusammen zu neuen Erkenntnissen kommt. Jeder aufbauend auf der Arbeit der Vorhergehenden und seine Arbeit wieder in die Gesellschaft einspeisend. Dafür muss diese Arbeit allgemein zugänglich sein. Von Gedankenkonstrukten, die geistigem Eigentum ähneln, müssen wir schleunigst und vollständig im wissenschaftlichen Betrieb abkommen. Wir müssen uns einem gemeinsamen Ethos verpflichtet fühlen, der z.B. verbietet, sich mit fremden Federn zu schmücken und wir müssen Strukturen schaffen, die den Rahmen dazu bieten, solche eventuell auftretenden Fälle aufzudecken und somit unattraktiv zu machen. Diese Strukturen dürfen jedoch einer allgemeinen Zugänglichkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zuwiderlaufen.

Mein Kommilitone hat im letzten Sommer übrigens selbst keine schriftliche Arbeit verfasst. Aber selbst wenn er das getan hätte, wären beide, seine und meine Arbeit jeweils das Ergebnis von gemeinsamer und individueller Anstrengungen gewesen und niemand hätte sich übervorteilt fühlen müssen.

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