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Kategorie: All- und Unzusammenhängendes

Ich habe geträumt

Von Toten, deren liebevolle Stimmen mich in Tränen ausbrechen lassen. Von eigentlich verständnisvollen Lebenden, die mich für die Trauer beschimpfen. Von Beinahe-Toten, die mich intensiv in ihre Nähe ziehen. Von Liebsten, die sich deshalb von mir enttäuscht abwenden. Von Fremden, die nichts als Gewalt und Hass für mich haben. Von Katakomben, Ruinen, Asche und Wüste. Von Suche, von Verzweiflung, von Bitten und Flehen. Ich habe geträumt, letzte Nacht. Und es war nicht schön.

Schwachsinnige, euer Bus fährt

Lehrer Lämpel

Nur mal wieder so ein Bit, über das ich gerade gestolpert bin, und das demonstriert, was sich manche Urheber so alles einbilden, welche Teile der Welt und der Kultur unter ihre Verfügungsgewalt fallen sollten: Der Autor des Romans Fahrenheit 451, Ray Bradbury, hatte eine sehr dezidierte Meinung über Michael Moores Filmtitel Fahrenheit 9/11:

Michael Moore ist ein dämlicher Drecksack. So denke ich über ihn. Er hat meinen Titel geklaut und die Zahlen ausgewechselt, ohne mich jemals um Erlaubnis zu fragen.

Potztausend!

Kulturproduktion nutzt vorhandene Kultur, um Neues zu schaffen und Altes mit neuer Bedeutung zu versehen. Immer schon. Ohne um Erlaubnis zu fragen. Dies zu verlangen ist auf groteske Weise anmaßend. Ich empfehle an der Stelle aus den vielfachen lesenswerten Artikeln, die dieser Tage zu dem Themenkomplex so erschienen sind, diesen von Anatol Stefanowitsch.

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Nachtrag:
Der Titel dieses Artikels ist ein Zitat aus Und täglich grüßt das Murmeltier, ich habe nicht um Erlaubnis für die Verwendung gefragt. Das Bild ist von Wilhelm Busch, der – in diesem Falle: glücklicherweise – schon seit über 70 Jahren tot ist. Der Text handelt im Prinzip ausschließlich von Werken fremder Leute, die Schöpfungshöhe für ein eigenständiges Werk habe ich möglicherweise nicht überschritten, womit das Zitatrecht nicht mehr greift, weder für den Titel noch für die Wiedergabe von Inhalten der FAZ (oder Ray Bradburys?). Skandal.

Erinnerung an das Oma-Gefühl

Gestern ist meine Oma gestorben. Ich habe sie sehr geliebt und ich weiß gar nicht, wie ich meine Gefühle und Erinnerungen sortieren soll.

Meine Großeltern haben nur eine Straße weiter gewohnt, als wir klein waren. Das war nah, aber nicht ganz so nah wie meine anderen Großeltern, die im selben Haus wie wir wohnten. Obwohl besonders meine Oma immer sehr herzlich war und einen drückte und mit Süßigkeiten und Liebe bewarf, bis einem ganz schummrig wurde, gab es immer eine seltsame Art von Distanz zu ihnen. Ihr Leben war wie ihr Reihenhaus bis ins Detail geordnet. Alles hatte seinen Platz und wurde nie bewegt, außer nach ganz bestimmten Regeln zu ganz bestimmten Zeiten. Alles war Tradition und Ordnung und immer auch Erzgebirge und durfte sich nicht verändern. Das begann am Jägerzaun zur Straße und verlieh allem, was für mich mit Oma und Opa zu tun hatte, einen Hauch von Unantastbarkeit. Man hatte immer ein klein bisschen Angst, das falsche zu tun oder zu berühren. Daneben das unendlich warme Gefühl des Willkommens, des Umsorgens, das Oma-Gefühl irgendwie. Es war verwirrend, manchmal.

In den letzten Jahren, in denen meine Großeltern beide sichtlich älter wurden, änderten sich doch ein paar Dinge. Es dauerte lange, bis sie sich überzeugen ließen – für meinen Vater oft zermürbend lange –, dass im Alter Einiges nicht mehr so gut geht und dass es aber Abhilfe gibt. Manchmal technische, wie elektrische Garagentoröffner, manchmal menschliche in Form von Unterstützung bei zu anstrengenden Hausarbeiten. Beide, meine Oma und mein Opa, sind leiser geworden. Ebenso wie sonst alles seine Ordnung hatte, in die man sich fügen musste, denke ich, dass sie schließlich auch begonnen haben, sich ins Alter zu fügen. So laufen die Dinge eben. Ich hatte außerdem das Gefühl, dass sich die Wichtigkeit der Dinge ganz leicht verschob; weg von so-war-es-schon-immer-und-so-bleibt-es-auch hin zu Familie und Gemeinsamkeit. Nur ganz leicht, denn natürlich war beides schon vorher wichtig und blieb es auch.

Vor etwa zwei Monaten wurde bei meiner Oma Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert. Sie wurde soweit behandelt, dass sie wieder sehr viel besser Luft bekam und etwas an Substanz zugelegt hatte, bekam Tabletten vom Onkologen verschrieben, die vielleicht herauszögernd wirken könnten, und wurde nach einiger Zeit zum Glück wieder nach Hause geschickt. Ich habe Sie im Krankenhaus besucht und auch vor anderthalb Wochen, wegen ihrem Geburtstag, waren wir bei ihnen zuhause. Sie war ein bisschen matt, aber einigermaßen guter Dinge, hatte alles genau aufgeschrieben, was die Ärzte gesagt haben, wusste, wie die Tabletten wirken sollten und tischte ordnungsgemäß Stollen (aus dem Erzgebirge geschickt, klar) und Süßigkeiten auf, mehr als man essen konnte. Wir kommen dann nach den Feiertagen vorbei, hatten wir gesagt.

Vorgestern wurde sie abends ins Krankenhaus eingeliefert, weil sie urplötzlich und schnell über den Tag abgebaut hatte und immer apathischer wurde. Kaum oder gar nicht mehr sprach, nur noch vage mit Kopfnicken auf Ansprechen reagierte. Gut zwölf Stunden später, am Morgen des 21. Dezembers starb sie mit 81 Jahren friedlich und anscheinend ohne Schmerzen oder Aufregung.

Ich freue mich sehr, dass sie unsere Hochzeit im Sommer noch erleben konnte; es gibt schöne Fotos und Erinnerungen davon. Es gibt tausend Dinge von ihr, an die ich mich mein Leben lang erinnern werde; auch wenn ich weiß, dass ich eines Tages aufwache und nicht mehr sicher bin, wie ihre Stimme klang.

In diesem Jahr sind wunderschöne Dinge passiert. Jetzt, wo es zu Ende geht, geht mit ihm auch Anderes zu Ende. Meine liebe Oma Elke, der Astrologisches und Astronomisches immer sehr wichtig war, starb zur Wintersonnenwende, dem dunkelsten Tag im Jahr. Ich baue mal darauf, dass es irgendwann wieder heller wird. Wenn auch ohne sie.
Mach’s gut, Oma.

Godwin's Law! Jetzt auch mit Urheberrecht!

Es gibt so Texte, die führen dazu, dass man beim Lesen zunächst den Kopf auf die Hand stützt, die Hand dann langsam vor die Stirn führt, immer mehr das Gesicht darin vergräbt, bis man schließlich nur noch durch die Finger blinzelt, weil man kaum wagt, sich den nächsten Satz zuzumuten.

4nduril beim FazialpalmierenDazu eignen sich übrigens besonders gut Texte über das Urheberrecht. Bis hierher dürften sich noch alle einig sein. Den einen geht es so, wenn sie Texte wie die von z. B. Marcel Weiß, oder auch mir lesen; ich nehme die beschriebene Haltung aber eher bei Texten wie diesem taz-Interview hier ein. Gefunden habe ich ihn übrigens durch @343max, der auch gleich die größte Frechheit in seinem Tweet herausstellt. Die Argumente geh’n nicht mehr, da hol’ ich mir nen Nazi her. Das ganze Interview mit Stefan Goldmann ist aber so gespickt mit wirren Ideen und Vorstellungen, dass man geneigt ist, bösen Willen zu unterstellen. Aber halten wir es lieber mit Joseph Joffe: Versuche nie durch Konspiration zu erklären, was auf Chaos oder Inkompetenz zurückgeführt werden muss. Ich bin grad in der Stimmung, die Aussagen von Goldmann auf ihren Blödsinn-Gehalt hin zu untersuchen, der meiner Meinung nach an fehlerhaften Beobachtungen und mangelnder Übersicht geschuldeten Fehlinterpretationen liegt.

Das Problem ist, dass der Interviewte sehr richtige Dinge mit total abstrusen Ideen mischt oder aus den richtigen Fakten falsche Schlüsse zieht. Beispielsweise sagt er sehr sympathisch, dass Kunst nicht nach Aufwand bezahlt wird. Korrekt. Der Aufwand, den Künstler betreiben (müssen), ist vollkommen irrelevant, wenn es darum geht, ob sie etwas dafür bekommen. Das einzige, was eine Rolle spielt, ist das Interesse des Publikums. Oder, wie er sagt, die Nachfrage. Nur, was er völlig unter den Tisch fallen lässt, ist die Frage, was denn das Ziel der Nachfrage ist. Was will denn das Publikum? Will es Tonträger kaufen? Will es die Musik hören? Will es Live-Auftritte sehen? Wenn es nur um das Hören geht, kann aus der Nachfrage kein Einkommen generiert werden, sofern es Aufnahmen dieser Musik gibt. Veröffentlicht ein Musiker auch nur in minimalster Auflage seine Werke, völlig egal ob auf Tonträgern oder direkt über das Netz, ist die Musik verfügbar. Immer und für jeden. Tonträger lassen sich aus drei Gründen noch verkaufen:

  1. Wir sind gerade mitten innerhalb der Veränderungsphase und noch nicht danach. Es ist noch nicht bei der gesamten Bevölkerung angekommen, wie leicht verfügbar Musik ist.
  2. Die Käufer sind Sammler und der Besitz von physischen und bestenfalls zahlenmäßig begrenzten Tonträgern ist für sie ein Wert an sich.
  3. Für die Käufer ist der Tonträger eigentlich irrelevant, sie möchten aber den Künstler belohnen und sie sind der Meinung, dass der Kauf von Tonträgern der leichteste Weg ist.

Punkt 1 wird sich in absehbarer Zeit erledigen. Punkt 3 vermutlich irgendwann auch, weil es immer mehr und immer bessere Bezahlsysteme gibt, mit denen man ohne Umwege über Vertrieb, Label usw. dem Künstler direkt Geld zukommen lassen kann. Punkt 2 ist der einzige, der sich wahrscheinlich noch länger hält, aber sein Umfang ist, vermute ich, so gering, dass diese Umsätze vernachlässigbar sind. Also: Nachfrage nach Tonträgern – Fehlanzeige.

Die offensichtliche Lösung für Musiker bringt Goldmann am Ende des Interviews, allerdings mit dem obskuren Label der postdigitalen Ökonomie versehen. Er nennt den DJ Richie Hawtin, der seit 2003 nicht mehr veröffentlicht, sondern eben Live-Performances macht: Sein Inhalt ist also überhaupt kein kopierbares Werk mehr, sondern eine persönliche Anwesenheit. Ja, Herrgott, genau das ist es! Wenn du etwas verkaufen willst im Sinne von Ware anbieten, für die Menschen bezahlen sollen, dann muss deine Ware etwas sein, das nicht allverfügbar ist. Das ist aber nicht postdigital, das ist die Ökonomie der Kunst, und insbesondere der Musik, im Digitalzeitalter. Genau betrachtet und auf diese simple Formel heruntergebrochen, ist es die Art und Weise, wie Marktwirtschaft schon immer funktioniert. Das einzige, was sich geändert hat, sind die Dinge, die man verkaufen kann, weil sie knapp sind.

Völlig verwirrt ist auch die Aussage, es gebe keine freie Verfügbarkeit im Netz. Den Ausdruck muss man schon gehörig umdefinieren, um zu Goldmanns Position zu kommen. Er behauptet nämlich, der Zugang wäre ja gar nicht frei, weil die Anbieter wie Youtube ja Werbung schalten. Doch, nur zu, das muss man erstmal sacken lassen. Wie schräg ist der Gedanke denn? Zum einen sind Youtube und Konsorten ein winziges Subset der digital im Netz verfügbaren Musik. Ich werfe nur die offensichtlichsten Stichworte in den Raum: p2p, 1-Click-Hoster. Zum anderen ändert sich an der Verfügbarkeit der Inhalte nichts aber auch gar nichts, wenn daneben Werbung eingeblendet wird. Text- und Bildwerbung. Optische Werbung. Neben Musik. Zum Hören. And I would do anything for love … kchrks and for Grandma Tootsie’s Butter Cookies! Hmmm, delicious! kchrks … but I won’t do that. Oder wie? Und ja, mir sind die Werbetrailer vor bestimmten Videos bekannt, aber es ist ja nicht so, als könnte man die mp3 nicht aus Youtube rausziehen und anderswo oder sogar dort erneut hochladen. Die eigentliche Musik ist ja intakt. Und dann ist er wirklich fast so niedlich, dass man ihm in die Wange kneifen möchte: Die Anwesenheit von Youtube usw. sei nur eine Momentaufnahme, weil – festhalten – die rechtssystematischen Folgen zu gravierend wären, als dass es dabei bleiben könnte. Entschuldigung, ich muss mir kurz die Tränen abwischen. Wie bitte? (Einschub in eigener Sache: Sorry, ich dachte, der Artikel hier würde etwas sachlicher werden, aber das ist einfach zu köstlich, was für Ideen manche Leute haben.) Sekundiert wird das übrigens von dem Halbsatz, dass irgendwann eh bestimmte Inhalte gar nicht mehr ins Netz gelangen würden, ob legal oder illegal spiele dabei jetzt auch keine Rolle. Wohlgemerkt, vertieft oder begründet wird diese These nicht. Wenn man sehr gutmütig ist, könnte man das so interpretieren, dass er damit meint, dass es die Künstler bald alle wie Richie Hawtin machen und nichts mehr im eigentlichen Sinne veröffentlichen. Da muss ich jetzt aber einfach sagen: Glaub ich nicht. Die nicht so gutmütige Interpretation ist: Er wirft einfach irgendwelche Behauptungen in den Raum, die dazu da sind, Unleugbares zu diskreditieren und in den Köpfen der Leser durch bloße Worte Fakten zu schaffen. Das würde ich ihm jetzt natürlich nicht unterstellen, aber auf den Gedanken könnte man kommen. Schon interessanter ist der Einwand, dass die Technik, um kontextsensitive Werbung zu ermöglichen, irgendwann bedingt, dass die Anbieter die Inhalte kennen, also auch automatisch filtern könnten. Dass dann die üblichen Verdächtigen per Lobbygesetze die Anbieterhaftung stärker durchzusetzen versuchen, liegt auf der Hand. Ich gebe zu, dass das ein denkbares Szenario ist, und dass es sich er sehr sehr schade wäre, ein kulturelles Archiv wie Youtube zu verlieren, aber ich kann mich nur wiederholen: Es ändert an der Situation nichts, dass Musik immer und überall verfügbar ist. Youtube ist nicht die Menge aller Musik im Web und das Web ist nicht das Internet.

By the way: Natürlich gibt es hier auch wieder die klassische Argumentatioslinie, die Internetkonzerne bereichern sich durch Kunst anderer Leute, während die Künstler leer ausgehen. Das korreliert übrigens mit einer Beobachtung, die mspr0 neulich aufgeschrieben hat. Die Gesellschaft ist durchsetzt von Neid. Der (unterstellte) Gedanke ist Folgender: Wenn ich kein Geld mit etwas von mir hergestelltem verdienen kann, dann soll das auch kein Anderer dürfen. Das ist derselbe Gedanke, der hinter Non-Commercial-Lizenzen steht und ich finde ihn nicht nachvollziehbar. Denn hier nimmt niemand jemandes Einkommen weg. Die eine Seite findet keine Möglichkeit zur Monetarisierung der eigenen Leistung. Wie wir alle wissen, gibt es auch kein Recht auf Einkommen durch die eigenen Werke. Ich kann mich schließlich auch nicht mit meinem Kram auf den Flohmarkt stellen, der da schon hundertfach angeboten wird, und dann mich dann beklagen, dass ihn niemand kaufen will. Oder nicht zu dem Preis kaufen will, den ich mir vorgestellt habe. Das ist ein Markt. Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Wird das Angebot zu groß, fällt der Preis. geht das Angebot gegen unendlich, geht der Preis gegen null. Das kann man einen ärgern, aber das kann das Wetter schließlich auch. So. Und auf der anderen Seite, völlig unabhängig vom Preisverfall, bzw. vom Wegfall der Verdienstmöglichkeiten, gibt es jemanden, der sehr wohl eine Idee hat, wie man Geld verdienen kann. Das sind aber zwei voneinander unabhängige Dinge. Es ist nicht so, als würde der erste urplötzlich ein Einkommen haben, wenn der zweite seins nicht mehr hätte. Das verstehen halt viel zu viele einfach nicht.

Ich habe mich bei der Lektüre auch gefragt, inwiefern die taz da möglicherweise unzulässig gekürzt hat. Denn die Aussagen von Goldmann sind teils so wirr hintereinander gesetzt, dass man vergeblich versucht herauszufinden, was er eigentlich sagen will. Zum Beispiel stellt die taz die Frage: Welche Konsequenzen hätten Lockerungen im Urheberrecht eigentlich für die Gesamtwirtschaft? Darauf beginnt die Antwort mit der Aussage, dass Urheberrecht ja Teil eines größeren Komplexes sind. Richtig. Dass es bei Schutzfristen nicht um Kunst gehe, sondern um die Sicherung von Erzeugnissen geistiger Arbeit. Äh, Sicherung der Erzeugnisse? Meiner bescheidenen Meinung nach, wäre die beste Sicherung eine möglichst weite Distribution und möglichst einfach Zugang, aber was weiß ich schon. Oder meint er die Sicherung der Bezahlung dieser Erzeugnisse? Klingt schon einleuchtender, aber ist natürlich wie oben beschrieben ein Wunschtraum, der noch niemals erfüllt war, wie sollte das auch gehen? Dann sagt er, dass wenn Urheberrechte nicht schützenswert seien, dann müsse das auch für Patente, Marken und wettbewerbsrechtlich Positionen gelten. Hier lohnt es sich schon wieder einzuhaken.

Patente, ja. Der ursprünglich Sinn von Patenten war die Verbreitung und der leichte Zugang von Erfindungen bei einer gleichzeitigen, zeitlich sehr befristeten Monopolisierung des Marktes zu Gunsten des Erfinders. DAvon hatten alle Seiten etwas. Der Erfinder verdiente in den ersten Jahren nach Anmeldung des Patents bei allen kommerziellen (!) Anwendungen seiner Erfindung mit. Dafür mussten die zugrundeliegenden Prinzipien und Techniken offen gelegt werden und konnten von jedermann benutzt werden. Nach Ablauf der Schutzfrist war die Erfindung damit Allgemeingut. Mittlerweile werden die Schutzfristen aber immer weiter ausgedehnt und dienen immer mehr nur der Bereicherung der Rechteinhaber (was im Übrigen nicht gleichzeitig auch der Erfinder sein muss). Das Patentwesen ist eine einzige Katastrophe und müsste dringend wieder zumindest so weit zurückgebaut werden, dass es seiner ursprünglichen Aufgabe – dem fairen Ausgleich zwischen Erfinder und Gesellschaft – nachkommt.

Von einer Abschaffung der Urheberrechte (die bei dieser Aussage von Goldmann ja als Prämisse angenommen wird) reden übrigens immer nur die Gegener von radikalen urheberrechtlichen Reformen. Beispielsweise finde ich, dass Urheber immer rechtlich mit ihrem Werk verbunden bleiben müssen. Ihr Name muss genannt werden bei allen Nutzungen des Werks, und dergleichen mehr. Insofern ist es natürlich auch Unsinn, zu behaupten, dass das Markenrecht abgeschafft werden soll. Natürlich soll es weiterhin rechtliche Mittel geben, zu verhindern, dass jemand meinen Namen benutzt, eine eigene Coca-Cola-Website aufsetzt oder Ähnliches. Ja, alle Immaterialgüterrechte müssen auf den Prüfstand. Nein, sie sollen nicht alle abgeschafft werden.

Leider diskreditiert sich Goldmann mit den nächsten Ausagen völlig, die schließlich im Nazi-Beispiel gipfeln, dass hier im Titel angesprochen wird. Die härtesten Beispiele werden nämlich genannt, um die vermeintliche Absurdität der Forderung von freiem Zugang darzustellen: Waffenbaupläne, pharmazeutische Formeln und Schutzbezeichnungen. Es sei dann kein langer Weg mehr zu einem Arzt im OP, der eigentlich gar keiner ist. Was für ein Unsinn. Wie gesagt, es geht nicht um die vollständige Aufhebung des gesetzlichen Schutzes aller nur denkbaren Dinge. Ging es nie. Und schließlich: 2015, sagt Goldmann dann, enden die letzten Schutzfristen für Werke von Juden, die von den Nazis ermordet wurden. Danach könnten etwa Nazitexte mit Musik dieser jüdischen Künstler unterlegt werden, ohne, dass man das verhindern kann. Ja, stimmt. Und? Zunächst mal ist das so dermaßen weit hergeholt. Welche Naziband, die was auf sich hält, würde denn Musik von ermordeten Juden benutzen? Davon abgesehen muss ich aber auch sagen, dass das so nun mal ist in einer freien Gesellschaft. Wir können nicht alle Freiheiten abschaffen, nur weil sie jemand zu schlimmen Dingen benutzen könnte. Das ist nämlich das sogenannte Kinderporno-Argument: Weil es ja verachtenswerte Individuen gibt, die über das Internet Kinder-Pornographie (oder beliebig ersetzbar durch: Hetzschriften, Bombenbauanleitungen usw.) verbreiten und austauschen, muss das Internet möglichst vollständig überwacht werden. Weil im öffentlichen Raum hin und wieder Menschen überfallen werden, muss es eine lückenlose Videoüberwachung geben. Äh, nein. Wir müssen damit umgehen. Verbrechen lassen sich nicht durch Abschaffung von Freiheiten unterbinden. Die Nutzung von Werken auf eine Art, die dem Urheber, seinen Nachkommen oder relativ unbeteiligten Rechteinhabern nicht passt, erst recht nicht. Da muss ich auch mal polemisch fragen: Wo kämen wir da auch hin?! Wir sind eine Informationsgesellschaft. Wir definieren uns über Informationen, Werke, Kultur. Wir müssen sie möglichst frei teilen können.

Über die Details müssen wir uns sicher unterhalten. Aber Beiträge wie dieses unsägliche Interview, das mit unwahren Unterstellungen, mangelndem Verständnis von Marktsituationen und Verunsicherung (Waffen! Illegale Ärzte!! Nazis!!! Über die unsägliche Korrelation von Menschenrechten und Urheberrechten rede ich erst gar nicht.) um sich wirft, trägt zu nichts etwas bei außer zur Verhärtung der Fronten.

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Seid nerdig

Meine frischgebackene Frau sagt über mich, dass ich dazu tendiere, alle Themen, mit denen ich in Kontakt komme und interessant genug finde, um über sie nachzudenken, so vollständig wie möglich zu erfassen; all ihre Aspekte aufzusaugen; jeden Fakt und die gängigsten Meinungen zu verinnerlichen. Sie hat Recht. Ganz egal, wie banal ein Thema zu sein scheint oder allgemein als unwichtig abgetan wird, es kann einem eine ganze Welt offenbaren. Das Leben, das mich umgibt, wird so zu einem Fraktal, dessen Detailreichtum und Schönheit immer weiter zunimmt, je genauer man hinsieht.

Obwohl ich keine Ahnung habe, was für Farben man bei seiner Kleidung kombinieren kann (weil ich nunmal fast nur schwarz trage), weiß ich so ungefähr alles über Arten von Anzügen, Hemden, Kragen- und Reversformen, Krawatten, Herren-Abendgarderobe und Herrenschuhe, von Einreiher, Stresemann und Haifischkragen über steigende und fallende Revers, Windsor- und Four-in-Hand-Knoten bis hin zu Budapestern und Plain Oxfords. Ich kann Trauermücken von Buckelfliegen und Obstfliegen unterscheiden und kenne den Unterschied zwischen holometabolen und hemimetabolen Insekten. Ich komme auf der Suche nach der perfekten und stilvollsten Nassrasur gerade zu Rasierhobeln von Merkur und dem ideal angerührten Schaum aus Rasiercréme. Ich habe tagelang gelesen, um die ausgereifteste Technik und das am besten geeignete Zubehör für die Kaffeezubereitung herauszufinden. Ich weiß, wie Atomreaktoren aufgebaut sind und warum die Natriumkühlung bei Brutreaktoren ein Problem ist. Es fällt mir manchmal schwer, (natur-)wissenschaftliche Fragestellungen pragmatisch anzugehen, weil ich dazu neige, mich immer tiefer ins Detail zu verstricken; immer noch eine Ursache dahinter zu erfragen. Der Beginn meiner vegetarischen und manchmal veganen Ernährung hat mir ein unglaubliches Feld eröffnet, in dem ich mich mit Ernährungsphysiologie beschäftigen kann und spannende neue Rezepte und Zutaten entdecke und ausprobiere. Es ist wie eine Wette gegen die Gewohnheit, einen perfekten Käsekuchen backen zu wollen, aber ohne tierische Produkte zu verwenden. Das muss gehen. Mind over matter. Ich trinke kein Red Bull, um mich wachzuhalten, sondern lerne, auf traditionelle argentinische Weise Mate-Tee zu machen und beginne, die schmackhafteste Sorte zu suchen. Ich weiß, dass Warp 9 der 1516-fachen Lichtgeschwindigkeit entspricht. Ich beschäftige mich auch außerhalb meines (jetzt abgeschlossenen) Studiums mit Sprachgeschichte und Grammatik. Ich lasse mir einen thailändischen Sprachleitfaden schenken, weil ich es spannend finde, wie eine Tonsprache funktioniert. Mein Motorrad warte ich selbst.

Das ist für mich Nerdtum. Ich bin ein Nerd, aber das ist nicht (nur) der allgemein bekannte „Computer-Nerd“. Es ist eine Grundhaltung, Nerd zu sein. Man will einerseits die Dinge verstehen, mit denen man zu tun hat. Man will andererseits auch erst einmal erkennen, was für Dinge es da eigentlich gibt. Auf diese Art Nerd zu sein beinhaltet auch ein gewisses Maß an Ego und Überheblichkeit. Der Nerd hat das Bewusstsein, bei „seinen“ Themen wissenstechnisch deutlich über dem Durchschnitt zu stehen. Teilweise erhebt er sich schon dadurch über den Durchschnitt, dass er nur weiß, dass etwas überhaupt ein Thema ist, dass es existiert als nachdenkenswertes Sujet.

Die sozialen Implikationen des Nerdseins sind vielfältig. Einher mit dem Erheben über die Anderen geht eine gewisse Selbstisolation. Ob Menschen, die zur Zurückgezogenheit oder gar zur Soziophobie neigen, grundsätzlich eher zu Nerds werden, oder ob sich Nerds eher auf sich selbst zurückziehen als Andere sei dahingestellt. Doch mit Wissen kann man auch beeindrucken. „Das ist ja spannend!“ und „Was du wieder weißt!“ sind Ausdrücke von Anerkennung. Anerkennung, die dem Nerd entweder egal ist, die er nicht einmal erkennt oder aber derer er sich bewusst ist. So schillert der Nerd sowohl in seiner Selbstwahrnehmung, als auch in der Wahrnehmung der Anderen.

Am besten ist es jedoch, wenn er das Glück hat, unter seinesgleichen zu sein. Die Themen, mit denen sich jeder von ihnen beschäftigt oder mal beschäftigt hat, müssen nicht mal die gleichen sein. Die Art zu denken und sich über die Welt zu wundern und sich daran zu freuen, womit man sich allem beschäftigen kann, ist identisch, und deshalb kann man sich auch auf einer Ebene unterhalten. Im Idealfall, vielleicht bei diesem Setting sogar im Regelfall, ergeben sich so für alle Beteiligten auch noch neue interessante Gebiete, mit denen man sich bei Gelegenheit oder auch sofort beschäftigen kann. Meine Frau und ich waren beide so klug, einen Nerd zu heiraten.

Die Welt ist schöner, wenn man ein Nerd ist. Sie macht mehr Spaß und sie offenbart dem Einzelnen einen Sinn. Seid nerdig.

Bildnachweis: Big Mandelbrot set, Urheber: Medvedev, Lizenz: CC-BY-SA

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