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Ungezähmt

Ich habe das Youtube-Video von Saddam Husseins Hinrichtung gesehen. Die Gründe kann ich nicht vollständig angeben, aber dabei spielte zumindest auch eine Rolle, dass ich mich des Grauens, des menschlichen Unrechts versichern wollte, das in der Folge (und im Verlauf) des verbrecherischen Kriegs der USA (vornehmlich) gegen den Irak begangen wurde, es in Erinnerung rufen. Ich verspürte keine Genugtuung dabei, keine Befriedigung darüber, dass ein Völkermörder nun selbst sein Leben lassen musste. Nur Ekel. Ekel vor dem berüchtigten lupus homini, der so wenig gezähmt ist wie vor 1000 Jahren. Er ist oft versteckt, hinter Anzügen, schwelgenden öffentlichen Reden oder auch nur den Wohnungstüren. Es ist von der Warte aus, die die meisten von uns hier in der sogenannten zivilisierten Welt einnehmen, oft unvorstellbar, was Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage sind. Aber es wäre verlogen und heuchlerisch, ernsthaft zu behaupten, wir – als Menschen – wären darüber hinweg; gelegentliche Morde, private oder staatliche Folterungen, Misshandlungen seien nur schreckliche Ausnahmen. Das Betrachten von Bildern und Videos aus teils ach so fernen Ländern kann dabei helfen, sich mit der unmenschlichen menschlichen Art auseinander zu setzen.

Die Videos von dem, was Muammar al-Gaddafi gestern geschehen ist, habe ich nicht gesehen und ich werde das auch vermeiden. Die BILD-Zeitung hat natürlich ihr Möglichstes getan, um diesen Vorsatz zunichte zu machen, und so kenne ich jetzt zumindest ein Foto seines blutüberströmten, toten Gesichts. Christian Stöcker schreibt heute bei Spiegel Online darüber, wie die technischen Möglichkeiten des Netzes nicht nur ermöglichen, solcherart Zeugnisse von der „archaische[n] Tradition des Diktatorenlynchens“ im „wilden Teil der Welt“ für das „(wohlige?) Schaudern“ der hochtechnisierten, modernen Weltbevölkerung verfügbar zu machen. Sie haben angeblich auch dazu geführt, dass diese Zeugnisse von der Weltöffentlichkeit eingefordert werden (wie beim Tod von Osama Bin Laden).

Viele sehen sich solche Videos oder Fotos sicherlich mit dem Gefühl der Befriedigung an, derjenige habe nun bekommen, was er verdient, und ergötzen sich am Anblick. Vielleicht trifft das sogar auf die Mehrheit der Zuschauer zu, ich weiß es nicht. Ich halte es trotzdem für gut, dass diese Möglichkeit besteht, dass es die Bilder und Videos gibt, dass sich jeder durch Technologie selbst ein Bild machen kann, so grauenhaft es sein mag. Wir werden gerade in unserer heimischen Welt systematisch der Realität entfremdet. Sei es durch fein säuberlich verpacktes Fleisch im Supermarkt, das keine Rückschlüsse mehr auf seine Herkunft und Entstehung zulassen will, sei es durch sprachliche Abstrahierung und Technisierung militärischer Vorgänge („Target destroyed!“). Ich glaube fest daran, dass dagegen nur ein Mittel hilft: die rücksichtslose Zurschaustellung der Realität, je archaischer, je unmenschlicher, je grauenhafter, desto besser. Denn nur so kann uns etwas gelingen, das nötiger wird als je seit dem zweiten Weltkrieg: Mitleid zu erlernen und unser Handeln und das unserer Vertreter darauf aufzubauen.

Dazu gehört auch, sich bewusst zu machen, dass es im Kriegszustand (den auch Stöcker für die (Mit-)Ursache für den Mord und die Leichenschändung Gaddafis sieht) keine moralische Bewertung mehr geben kann. Ich habe es schon einmal ausgeführt: in dem Moment, in dem sich jemand in den Krieg begibt, hat er zwangsläufig jede moralische Überlegung hinter sich gelassen, denn durch nichts lässt sich moralisch tiefer sinken, als die willentliche Entscheidung, andere Menschen systematisch zu töten und zu verletzen. Es gibt keinen guten Krieg. Es gibt keine humane Weise, Krieg zu führen. Es im Krieg keine Regeln, auf die man sich berufen kann, denn der Krieg ist der Zustand menschlicher Regellosigkeit und moralischer Regungslosigkeit. Im Krieg ist der Wolf losgelassen und der Mensch sinkt aus den Jahrtausenden (vielleicht nur Jahrhunderten oder gar Jahrzehnten) der gewaltsamen Selbstzähmung herab auf die Stufe seiner un-vernünftigen, von niederen Instinkten gesteuerten Vorfahren.

Den libyschen Rebellen, die anscheinend oder zumindest möglicherweise den verletzten ehemaligen Machthaber verhöhnt, ihn endgültig zu Tode geprügelt und schließlich seine Leiche „geschändet“ haben, haben damit Unmenschliches getan. Doch sie trugen, indem sie ihre Taten filmten und stolz verbreiteten, dazu bei, dass andere und womöglich irgendwann auch sie selbst das Unmenschliche im Menschen sehen können, sich selbst hinterfragen und ihr Handeln wo nötig ändern können.

Der Mensch ist gefährlich wie nichts anderes in dieser Welt, aber immerhin hat er die Möglichkeit, sich unter Kontrolle zu bringen. Wenn er Mitleid lernt.

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Textgedächtnis gesucht

Ich brauche einen neuen Internetdienst. Also fast wie bookmarking, aber anders. Was ich will, ist letztlich: Alle Artikel, alle Texte, die ich im Netz lese, am besten auch noch unabhängig vom Datenformat (Webseite, PDF, …) sollen per Bookmarklet in eine Datenbank überführt werden, die URL, Titel und vollständigen Inhalt aufnimmt, damit auch eine Volltextsuche möglich ist. Außerdem muss ich taggen können und am allerschönsten wäre es, wenn es eine Android App geben würde, die sich in das „Share this“-Menü einklinkt. Oder halt irgendwie anders Items auch per Smartphone unkompliziert eintragen lässt. nahezu perfekt wäre das ganze, wenn das Tool auch RSS auslesen könnte. Dann könnte ich das einfach mit meinem Shared-Items-Feed aus dem Reader füttern und müsste schon mal nicht alle Artikel von dort extra in einem neuen Tab öffnen und dann erst auf das Bookmarklet klicken.

Das Problem ist nämlich, dass es mir immer häufiger passiert, dass ich mich an etwas Gelesenes erinnere – im Gespräch, beim Lesen von anderen Dingen, beim Bloggen, usw. – an einen klugen Gedanken, eine schöne Argumentation, an Hintergrundinformationen zu einem Thema, die ich nicht auf die Schnelle ergooglen könnte; und dann, DANN! nicht mehr weiß, wo ich das von wem gelesen habe.

Der Link hält das Web zusammen, aber wer hält mir meine Erinnerung zusammen? Der Google Reader war meine erste Idee, um diese Aufgabe zu übernehmen. Doch das geht nicht, weil das einzige Bookmarklet, was der anbietet „Kommentar in Reader“ ist. Damit Gespeichertes wandert in meine Shared-Items-Liste und da will ich diese Datenbank nicht haben. Denn der zugehörige Feed wandert in meinen Twitteraccount und ich will nicht alles, was ich jemals lese auch twittern, vulgo: empfehlen. Manchmal stellt sich ja auch erst in einem bestimmten neuen Kontext, vielleicht Monate nach dem erstmaligen Lesen, der Nutzen eines Textes heraus.

Klassische Social-Bookmarking-Dienste gehen auch nicht (bei mir ist es Mister Wong), weil ich da keine Volltextsuche habe und auch inhaltlich eher andere Dinge dort speichere, nämlich Sachen, die ich öfter mal nachschlagen will. Das funktioniert für mich mehr als Lexikon mit Branchentelefonbuch oder so ähnlich. Jedenfalls sind die mangelnde Volltextsuche und die Tatsache, dass ich mir im Augenblick des Speicherns überlegen muss, durch welche Schlüsselwörter ich den Eintrag wiederfinden will, die Eigenschaften, die das unbrauchbar für meinen Zweck macht.

Jetzt bin ich über Diigo gestolpert. Ich weiß noch nicht, ob das was für mich ist, weil ich es noch nicht ausprobiert habe. Das Problem ist, das wesentliche Feature Volltextsuche (ich wiederhole mich) ist nicht in der Gratisversion enthalten. 20$ im Jahr ist wirklich nicht viel und ich würde mir überlegen, das zu investieren, falls der Dienst exakt das tut, was ich will, aber das weiß ich ja eben noch nicht und ausprobieren kann ich es vorher nicht, weil das Ding als Gratis-Tryout halt nicht so funktioniert, wie ich es nutzen will. Da muss ich wohl noch etwas rumlesen oder halt eben was anderes finden.

Oder versuchen, so ein Ding selbst zu schreiben.

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Ziellose Gedanken über Privatsphäre. Veröffentlicht.

Die Debatte um den Datenschutz und die Privatsphäre ist in den letzten Monaten ganz schön hochgekocht. Innerhalb der Gruppe der intensiveren Internet- und Computernutzer macht sich gerade eine merkwürdige Lagerbildung breit. Auf der einen Seite die Spackeria, die mit fatalistischem Gestus davon überzeugt ist, dass wir das ganze Privatsphärengepäck, das wir seit ein paar dutzend Jahrzehnten mit uns rumschleppen, einfach in die Tonne treten können, weil es durch das Netz systembedingt unterlaufen wird. Auf der anderen Seite mit der ebenfalls wenig schmeichelnden Bezeichnung Aluhüte diejenigen, die zwar auch glauben, dass die aktuellen Datenschutz-Bestimmungen nicht mehr greifen, aber als Reaktion darauf eher deren Anpassung, Erneuerung und Durchsetzung sehen wollen.

Ich habe keine Lust, mich mit Juchhe den einen oder den anderen anzuschließen. Ich teile das dumpf im Hinterkopf lagernde und leicht alt-cyberhippiesk anmutende Bewusstsein, dass man doch Privatsphäre irgendwie braucht. Andererseits glaube ich, dass wir gerade durch eine Zeit gehen, in der sich genau durch das Netz und durch Computer unheimlich viel verändert und dabei Vieles, teils auch Liebgewonnenes, auf der Strecke bleibt. Es bleibt deswegen auf der Strecke, weil die Gesellschaft gleichzeitig Anderes, Neues erhält, was den Verlust wert ist.

Ich frage mich also: wo stehe ich eigentlich? Was ist denn meine Meinung zu Privatsphäre, Geheimnis, Öffentlichkeit und Transparenz?

Wozu dient mir denn – mir ganz persönlich – meine Privatsphäre? Was bedeutet sie mir? Ich habe das primitive Bedürfnis nach Schutz. Ich empfinde mich, meinen Körper und meinen Geist als verletzlich und möchte möglichen Schaden von ihnen abhalten. Das bedeutet nicht, dass ich glaube, auch nicht unbewusst, dass mir Schaden real entsteht, sobald meine Schutzmechanismen nicht mehr vorhanden sind. Es geht hierbei um gefühlte Sicherheit. Doch das macht das Ganze nicht weniger wichtig. Das ist ein grundmenschliches Bedürfnis. Wir befinden uns hier noch auf einer Instinktebene, die über zig Jahrtausende evolutionär entstanden ist. Sie lässt sich nicht in ein paar Jahren von Technologie oder ihren Hohepriestern aushebeln. Diese Bedürfnis nach gefühlter Sicherheit prägt sich in zweiter Linie natürlich kulturell aus. Unsere Gesellschaft ist zum Beispiel daran gewöhnt, dass wir in der Öffentlichkeit Kleidung tragen. Tun wir das nicht, setzen wir uns Blicken und Reaktionen aus, die uns verletzen können (unseren Geist). Diverse indigene Völker haben kein so vergleichbares Gefühl der Scham oder den Willen, sich verhüllen zu müssen, damit beispielsweise niemand ihre Geschlechtsteile sehen kann. Das bedeutet aber nicht, dass ihnen das Bedürfnis nach Sicherheitsgefühl fehlt. Die Gemeinschaft, das eigene Haus oder noch ganz andere Dinge dienen ihnen dazu, ein Gefühl von Sicherheit zu geben.

Doch zurück zur Privatsphäre. Sie ist, da bin ich mir sicher, die für unsere Gesellschaft gültige Befriedigung eines Urinstinkts. Wir lernen schon als Kinder, dass Informationen über uns gegen uns verwendet werden können. Gib mir deine Schokolade oder ich sage Mama, was du kaputt gemacht hast. Oder noch ausgefeilter: Ich weiß, dass dies deine Lieblingsschokolade ist. Gib mir die, sonst … Wir können uns gegenseitig erpressen oder absichtlich Schaden zufügen, wenn wir Informationen über den Anderen haben. Das ist keine besonders schöne Seite am Menschen, doch es ist eine, die sicher der Mehrheit der Weltbevölkerung zu eigen ist. Deswegen ist es Selbstschutz, Anderen so wenig Informationen über uns wie möglich zu geben. Je intimer die Information ist, je größer der gefühlte mögliche Schaden, den jemand mit dieser Information anrichten kann, desto besser hüten wir sie. Manches über uns wissen nur unsere engen Freunde, manches nur die Familie, manches nur der Partner und manches weiß niemand außer uns selbst. Mit jeder Information, die wir jemandem über uns geben, lockern wir unsere Verteidigung, bieten wir potentielle Angriffsfläche. Jede Informationsübermittlung ist deshalb ein Vertrauensbeweis. Je wertvoller die Information (für uns bzw. in unserem Glauben), desto größer das nötige Vertrauen.

Soweit die Grundbedingungen. Doch als Menschen können wir versuchen, uns von Instinkten zu emanzipieren. Wir können uns an einen FKK-Strand begeben. Wir können unsere Namen und Adressen auf unser T-Shirt drucken, oder den Schriftzug Ich habe AIDS, Ich fühle mich von Minderjährigen erotisch angezogen. oder Ich bin illegaler Einwanderer. Ebenso gut können wir unsere Partyfotos in unser Facebookprofil laden, unsere politischen Überzeugungen twittern oder außergewöhnlichen Sexpraktiken am Fenster zur Straße hin nachgehen. Wir müssen nur überzeugt sein, die Konsequenzen aushalten zu können. Doch diese Aufzählung sollte deutlich gemacht haben, dass Information nicht gleich Information ist. Und bezogen auf die Technik: Information ist auch nicht gleich Information, wenn sie sich in Datenbanken speichern lässt. Vollkommen dumm ist die immer wieder gehörte, polemische Forderung an die Verfechter und Theoretiker der sogenannten Post-Privacy, dass sie doch mal ihre Kreditkartennummern herausrücken sollen, sie wollten ja schließlich, dass alle Informationen frei zugänglich sind. Wer solche Idiotismen von sich gibt, delegitimiert sich in meinen Augen völlig, an der notwendigen Debatte teilzunehmen. Trotzdem ist es nicht ganz so einfach, wie man hier versucht ist zu glauben: Es ließe sich ja der Standpunkt vertreten, jeder müsse halt lernen, im Netz Informationen über sich genau wie im restlichen Leben nur in dem Maß mitzuteilen, wie er es ob des möglichen Schadens für ihn vertreten will. Wenn ich zum Beispiel glaube, dass Fotos von mir im Zustand alkoholischer Umnachtung schlechten Einfluss auf zukünftige Bewerbungen ausüben würden (um dieses Klischee auch in diesem Privacy-Text unterzubringen), dann sollte ich keine ins Netz stellen. Nie. Auf keine Plattform. Denn sollte ich das doch tun, dann beginnt potentiell sofort ein Aspekt des Kontrollverlusts zu greifen. Alles im Netz ist kopierbar, und sollte ich einen Dienst (und nicht etwa meine eigene Website) dafür nutzen, kann ich nie sicher sein, dass die Inhalte auch tatsächlich gelöscht werden, wenn ich auf Löschen klicke. Davon abgesehen können über öffentlich zugängliche digitale Daten Programme aller möglichen Arten laufen gelassen werden; Gesichtserkennung zum Beispiel.

Ach, das wäre doch schon die Lösung! Diese ganzen Exhibitionisten-Spackos können weiterhin der interessierten Öffentlichkeit ihre Klogänge und Aufenthaltsorte mitteilen und alle Anderen haben weiterhin ihre gute alte Privatsphäre. Doch wie gesagt: so einfach ist es nicht. Das lebendigste Beispiel, und vor allem noch sehr präsent in den Köpfen, ist Google Street View. Bis hierher konnten die Leute noch sagen: Ich geh nicht ins Internet. Ist mir alles egal, interessiert mich nicht, was da passiert und dafür weiß das Internet auch nichts über mich. Jetzt schon. Auch wenn ich der tiefen Überzeugung bin, dass Hausfassaden nicht zur Privatsphäre gehören, nicht gegen Fotografieren und veröffentlichen geschützt werden müssen; hier hat die breite Masse der Bevölkerung wahrscheinlich zum ersten Mal gemerkt, dass sie sich dem Netz nicht durch bloße Nichtbeachtung entziehen kann. Es kann dich sehen. Zumindest schon mal dein Haus.

In Social Networks passiert Ähnliches. Ich brauche überhaupt kein Facebookprofil, um trotzdem Partyfotos von mir auf Facebook zu haben. Es genügt, dass ich neulich auf dieser Party war, jemand mich fotografiert hat, das Foto in seinen Account hochgeladen und mich darauf namentlich markiert hat. Dä. Das kann man gemein finden, das kann man auch versuchen rechtlich zu unterbinden, aber was man nicht kann, ist, es verhindern.

Vielleicht hilft es ja, sich mal zu fragen, ob man Informationen auch danach klassifizieren kann, ob und wie man verhindern kann, dass sie öffentlich werden. Fotos? Zonk. Gesichtserkennung ist da und Menschen taggen sich schon eine ganze Weile gegenseitig auf Bildern. Wohngegend? Zonk. Street View und Ähnliches bilden sie ab. Vieles Andere dagegen unterliegt meiner eigenen Entscheidung. Allem voran: meine Gedanken. Alles, was in meinem Kopf geschieht, muss nicht öffentlich sein. Erst, wenn ich es einmal veröffentlicht habe, ist es nicht mehr zu kontrollieren und erst recht nicht wieder einzufangen. Die Entscheidung, etwas öffentlich zu machen, lässt sich nicht mehr revidieren. Ich habe mir und meiner damals noch zukünftigen Frau einmal einen Silvesterabend ziemlich verunangenehmt, weil ich einen meiner Gedanken getwittert habe. Die Lehre, die ich daraus gezogen habe, ist allerdings nicht, dass ich lieber keine persönlichen Dinge mehr veröffentliche. Dieses Ereignis hat mir schlagartig klargemacht, wie sehr online und offline verschmolzen sind, bzw. dass es sich gar nicht mehr lohnt, das zu trennen. Seitdem bin ich mir stärker als je bewusst, dass jeder lesen kann, was man veröffentlicht. So wenig sinnvoll es ist, sich über die Öffentlichkeit von nicht kontrollierbaren Informationen (Fotos etc.) aufzuregen, so sehr muss jeder für sich darüber nachdenken, was er denn mit dem Rest macht. Mir hat es damals wirklich geholfen im Nachhinein. Ich freue mich rückblickend, dass in meiner Beziehung mehr Information miteinander geteilt wird und es ist absolut beziehungsdefinierend bei uns, dass es keinerlei Informationstabus gibt.

Es gibt trotzdem mit Sicherheit jede Menge Dinge, Gedanken, Erlebnisse usw., die ich nicht veröffentliche. Die aber auch nicht Gefahr laufen, öffentlich zu werden. Nicht Facebook macht mein Leben öffentlich. Twitter ebenso nicht. Ich tue das. Sich über die Privatsphäre-Einstellungen von solchen Diensten oder die fahrlässige Nutzungsart Anderer zu echauffieren, ist ungefähr wie mit Überraschung festzustellen, dass man sich mit seinem Auto um einen Baum wickeln kann. Oder, dass einen ein Vollidiot besoffen von der Straße gedrängt hat. Steig nicht ins Auto, wenn du das fürchtest. Und wenn du doch rein steigst, dann denke ständig gut darüber nach, wie du es benutzt, um dein Risiko zu minimieren.

Vor allem aber sollte sich jeder vor Augen halten, dass es nicht Facebook oder ein anderer Dienst ist, der uns unsere schöne, althergebrachte Privatsphäre verändert und aufweicht. Es ist das Netz. By design. Es gibt nicht einen einzigen Punkt, den man kontrollieren könnte und damit wäre es dann gut. Es ist nicht ein Arzt oder ein Pfarrer, der sich nicht an seine Schweigepflicht gehalten hat und den man dafür drankriegen kann. Es ist eine ganze Welt, die einfach anderen Regeln unterliegt und mit der man umgehen lernen muss.

Dieser Text ist nicht fertig, aber vorerst zu Ende. Er liegt schon zu lange unveröffentlicht auf meiner Festplatte rum.

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Seid nerdig

Meine frischgebackene Frau sagt über mich, dass ich dazu tendiere, alle Themen, mit denen ich in Kontakt komme und interessant genug finde, um über sie nachzudenken, so vollständig wie möglich zu erfassen; all ihre Aspekte aufzusaugen; jeden Fakt und die gängigsten Meinungen zu verinnerlichen. Sie hat Recht. Ganz egal, wie banal ein Thema zu sein scheint oder allgemein als unwichtig abgetan wird, es kann einem eine ganze Welt offenbaren. Das Leben, das mich umgibt, wird so zu einem Fraktal, dessen Detailreichtum und Schönheit immer weiter zunimmt, je genauer man hinsieht.

Obwohl ich keine Ahnung habe, was für Farben man bei seiner Kleidung kombinieren kann (weil ich nunmal fast nur schwarz trage), weiß ich so ungefähr alles über Arten von Anzügen, Hemden, Kragen- und Reversformen, Krawatten, Herren-Abendgarderobe und Herrenschuhe, von Einreiher, Stresemann und Haifischkragen über steigende und fallende Revers, Windsor- und Four-in-Hand-Knoten bis hin zu Budapestern und Plain Oxfords. Ich kann Trauermücken von Buckelfliegen und Obstfliegen unterscheiden und kenne den Unterschied zwischen holometabolen und hemimetabolen Insekten. Ich komme auf der Suche nach der perfekten und stilvollsten Nassrasur gerade zu Rasierhobeln von Merkur und dem ideal angerührten Schaum aus Rasiercréme. Ich habe tagelang gelesen, um die ausgereifteste Technik und das am besten geeignete Zubehör für die Kaffeezubereitung herauszufinden. Ich weiß, wie Atomreaktoren aufgebaut sind und warum die Natriumkühlung bei Brutreaktoren ein Problem ist. Es fällt mir manchmal schwer, (natur-)wissenschaftliche Fragestellungen pragmatisch anzugehen, weil ich dazu neige, mich immer tiefer ins Detail zu verstricken; immer noch eine Ursache dahinter zu erfragen. Der Beginn meiner vegetarischen und manchmal veganen Ernährung hat mir ein unglaubliches Feld eröffnet, in dem ich mich mit Ernährungsphysiologie beschäftigen kann und spannende neue Rezepte und Zutaten entdecke und ausprobiere. Es ist wie eine Wette gegen die Gewohnheit, einen perfekten Käsekuchen backen zu wollen, aber ohne tierische Produkte zu verwenden. Das muss gehen. Mind over matter. Ich trinke kein Red Bull, um mich wachzuhalten, sondern lerne, auf traditionelle argentinische Weise Mate-Tee zu machen und beginne, die schmackhafteste Sorte zu suchen. Ich weiß, dass Warp 9 der 1516-fachen Lichtgeschwindigkeit entspricht. Ich beschäftige mich auch außerhalb meines (jetzt abgeschlossenen) Studiums mit Sprachgeschichte und Grammatik. Ich lasse mir einen thailändischen Sprachleitfaden schenken, weil ich es spannend finde, wie eine Tonsprache funktioniert. Mein Motorrad warte ich selbst.

Das ist für mich Nerdtum. Ich bin ein Nerd, aber das ist nicht (nur) der allgemein bekannte „Computer-Nerd“. Es ist eine Grundhaltung, Nerd zu sein. Man will einerseits die Dinge verstehen, mit denen man zu tun hat. Man will andererseits auch erst einmal erkennen, was für Dinge es da eigentlich gibt. Auf diese Art Nerd zu sein beinhaltet auch ein gewisses Maß an Ego und Überheblichkeit. Der Nerd hat das Bewusstsein, bei „seinen“ Themen wissenstechnisch deutlich über dem Durchschnitt zu stehen. Teilweise erhebt er sich schon dadurch über den Durchschnitt, dass er nur weiß, dass etwas überhaupt ein Thema ist, dass es existiert als nachdenkenswertes Sujet.

Die sozialen Implikationen des Nerdseins sind vielfältig. Einher mit dem Erheben über die Anderen geht eine gewisse Selbstisolation. Ob Menschen, die zur Zurückgezogenheit oder gar zur Soziophobie neigen, grundsätzlich eher zu Nerds werden, oder ob sich Nerds eher auf sich selbst zurückziehen als Andere sei dahingestellt. Doch mit Wissen kann man auch beeindrucken. „Das ist ja spannend!“ und „Was du wieder weißt!“ sind Ausdrücke von Anerkennung. Anerkennung, die dem Nerd entweder egal ist, die er nicht einmal erkennt oder aber derer er sich bewusst ist. So schillert der Nerd sowohl in seiner Selbstwahrnehmung, als auch in der Wahrnehmung der Anderen.

Am besten ist es jedoch, wenn er das Glück hat, unter seinesgleichen zu sein. Die Themen, mit denen sich jeder von ihnen beschäftigt oder mal beschäftigt hat, müssen nicht mal die gleichen sein. Die Art zu denken und sich über die Welt zu wundern und sich daran zu freuen, womit man sich allem beschäftigen kann, ist identisch, und deshalb kann man sich auch auf einer Ebene unterhalten. Im Idealfall, vielleicht bei diesem Setting sogar im Regelfall, ergeben sich so für alle Beteiligten auch noch neue interessante Gebiete, mit denen man sich bei Gelegenheit oder auch sofort beschäftigen kann. Meine Frau und ich waren beide so klug, einen Nerd zu heiraten.

Die Welt ist schöner, wenn man ein Nerd ist. Sie macht mehr Spaß und sie offenbart dem Einzelnen einen Sinn. Seid nerdig.

Bildnachweis: Big Mandelbrot set, Urheber: Medvedev, Lizenz: CC-BY-SA

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Aus einer anderen Zeit

Ebenso wie Haekelschwein, Opalkatze und Ennomane (vermutlich auch noch eine Reihe anderer Leute) poste ich hier auch mal auszugsweise einen Text aus dem Jahr 1969:

Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun. Wir werden darauf hinwirken, daß durch Anhörungen im Bundestag, durch ständige Fühlungnahme mit den repräsentativen Gruppen unseres Volkes und durch eine umfassende Unterrichtung über die Regierungspolitik jeder Bürger die Möglichkeit erhält, an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken. (…)
Wenn wir leisten wollen, was geleistet werden muß, brauchen wir alle aktiven Kräfte unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die allen weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen offen sein will, ist auf ethische Impulse angewiesen, die sich im solidarischen Dienst am Nächsten beweisen. Es kann nicht darum gehen, lediglich hinzunehmen, was durch die Kirchen für die Familie, in der Jugendarbeit oder auf dem Sektor der Bildung geleistet wird. Wir sehen die gemeinsamen Aufgaben, besonders, wo Alte, Kranke, körperlich oder geistig Behinderte in ihrer Not nicht nur materielle Unterstützung, sondern auch menschliche Solidarität brauchen. (…)
Der permanente wirtschaftliche und soziale Wandel ist eine Herausforderung an uns alle. Er kann ohne die Initiative des einzelnen nicht gemeistert werden. Die Eigeninitiative braucht jedoch die Unterstützung der Politik. Wir dürfen keine Gesellschaft der verkümmerten Talente werden. Jeder muß seine Fähigkeiten entwickeln können. Die betroffenen Menschen dürfen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen werden. (…)
Das Ziel ist die Erziehung eines kritischen, urteilsfähigen Bürgers, der imstande ist, durch einen permanenten Lernprozeß die Bedingungen seiner sozialen Existenz zu erkennen und sich ihnen entsprechend zu verhalten. Die Schule der Nation ist die Schule. (…)
Die finanziellen Mittel für die Bildungspolitik müssen in den nächsten Jahren entsprechend gesteigert werden. Die Bundesregierung wird sich von der Erkenntnis leiten lassen, daß der zentrale Auftrag des Grundgesetzes, allen Bürgern gleiche Chancen zu geben, noch nicht annähernd erfüllt wurde. Die Bildungsplanung muß entscheidend dazu beitragen, die soziale Demokratie zu verwirklichen. (…)
Die Regierung kann in der Demokratie nur erfolgreich wirken, wenn sie getragen wird vom demokratischen Engagement der Bürger. Wir haben so wenig Bedarf an blinder Zustimmung, wie unser Volk Bedarf hat an gespreizter Würde und hoheitsvoller Distanz. Wir suchen keine Bewunderer; wir brauchen Menschen, die kritisch mitdenken, mitentscheiden und mitverantworten. Das Selbstbewußtsein dieser Regierung wird sich als Toleranz zu erkennen geben. Sie wird daher auch jene Solidarität zu schätzen wissen, die sich in Kritik äußert. Wir sind keine Erwählten; wir sind Gewählte. Deshalb suchen wir das Gespräch mit allen, die sich um diese Demokratie mühen.

Aus der Regierungserklärung Willy Brandts vom 28.10.1969